Wie die Hirngesundheit mit dem Herzen verbunden ist
Hirnschläge und vaskuläre Demenz stehen in vielerlei Hinsicht im Zusammenhang mit der Herz-Kreislauf-Gesundheit. Wenn wir diese Zusammenhänge noch besser verstehen, kann eine wirkungsvolle Prävention das Gehirn möglichst lange gesund halten.
Die Herzmedizin ist in den letzten Jahrzehnten enorm fortgeschritten. Der Herzinfarkt beispielsweise kann durch vorbeugende Massnahmen häufig verhindert oder erfolgreich behandelt werden. Auch beim Hirnschlag sind in den letzten Jahren sehr grosse Fortschritte erzielt worden. Dank der Aufklärungsarbeit unter anderem der Schweizerischen Herzstiftung erkennen immer mehr Menschen die Hirnschlagsymptome, was die Zeit bis zum Spitaleintritt und die Einleitung der Akutbehandlung verkürzt. Ein möglichst rascher Behandlungsbeginn ist beim Hirnschlag immer noch ausschlaggebend für den Behandlungserfolg.
Schweizer Pionierrolle
Vor allem aber haben sich Diagnostik und Behandlungsmethoden verbessert. Neben neuen bildgebenden Verfahren ist die mechanische Wiedereröffnung eines Hirngefässes, das durch ein Gerinnsel verstopft wurde, ein Quantensprung in der Hirnschlagbehandlung. Dieses Verfahren, bei dem ein Stent-Retriever, also ein Gitternetz, per Katheter ins Gehirn eingeführt und das Gerinnsel mechanisch entfernt wird, wendet man seit rund 10 Jahren an. Die Schweiz nimmt hier eine Pionierrolle ein. «Mittlerweile können wir das verschlossene Hirngefäss in mehr als 90 Prozent der Fälle wieder eröffnen», sagt Marcel Arnold, Chefarzt des Stroke Centers am Inselspital Bern. Je früher dies gelingt, desto wahrscheinlicher ist es, dass den Patient*innen eine Behinderung erspart bleibt.
Herzgesundheit ist auch Hirngesundheit
Aber noch immer zählt der Hirnschlag zu den fünf häufigsten Todesursachen und zu einem der häufigsten Gründe für eine Invalidität. Die hohe Krankheitslast des Hirnschlags sowie die damit verbundenen Kosten unterstreichen die Bedeutung der Prävention. Schätzungen zeigen, dass mehr als 50 Prozent aller Hirnschläge verhindert werden könnten. Die European Academy of Neurology (EAN) hat dies 2022 in ihrer Brain Health Strategy publiziert. Gleichzeitig hat sie 11 entscheidende Faktoren für die Hirngesundheit formuliert. Darunter zählen normaler Blutdruck, normaler Blutzucker, normales Körpergewicht, ein kontrollierter Cholesterinspiegel und der Verzicht auf Tabak, also Faktoren, die auch bei der Herz-Kreislauf-Gesundheit eine zentrale Rolle spielen. Dies verwundert nicht, wenn man davon ausgeht, dass etwa 25 Prozent der Hirnschläge auf eine Arteriosklerose zurückzuführen sind, die beim Herzinfarkt bestimmende Grunderkrankung. Rund weitere 30 Prozent der Hirnschläge werden kardio-embolisch verursacht, das heisst, ein Gerinnsel aus dem Herzen gelangt ins Gehirngefäss und blockiert dort den Blutfluss. Hier ist der Zusammenhang zwischen der Herz- und der Hirngesundheit noch direkter.
Vorhofflimmern ist Gefahr fürs Hirn
Vor allem das Vorhofflimmern, die häufigste Herzrhythmusstörung, birgt ein grosses Hirnschlagrisiko. Eine von der Schweizerischen Herzstiftung mitfinanzierte multizentrische Schweizer Studie unter der Leitung des Universitätsspitals Basel konnte aufzeigen, dass solche Hirnschläge häufiger sind als angenommen: Ein Drittel der Vorhofflimmern-Patient*innen weisen auf dem MRI Vernarbungen im Gehirn auf. Diese Vernarbungen sind ein Hinweis auf frühere, unbemerkte kleine Hirnschläge. Die Hirnschläge können sich in Hirnregionen ereignen, die keine unmittelbar auffälligen Symptome hervorrufen. Damit verbunden ist jedoch eine Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen, insbesondere der Exekutivfunktionen. «Wir stellen fest, dass diese unbemerkten Hirnschläge zu einem geistigen Abbau führen, der einer Hirnalterung von etwa 10 Jahren entspricht», sagt der an der Studie beteiligte Basler Kardiologe Michael Kühne. Die Herzgesundheit hat also einen unmittelbaren Einfluss auf das Gehirn und seine Leistungsfähigkeit.
Veränderte Hirngefässe als Demenzrisiko
Genauso schwerwiegend für den kognitiven Abbau sind oft unerkannte Veränderungen der kleinen Hirngefässe. Aus epidemiologischen Studien weiss man, dass ab dem Alter von 55 Jahren 25 bis 50 Prozent der Menschen solche krankhaften Veränderungen aufweisen. Eine Lausanner Studie bestätigte diese Zahlen. «Das sind wohlgemerkt Menschen, die dies nicht bemerken und sich diesbezüglich gesund fühlen», sagt der Demenzspezialist Bogdan Draganski, der als Neurologe am Inselspital Bern arbeitet. Das heisst: Genauso wie bei der Alzheimerkrankheit beginnen Hirngefässveränderungen schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vor einer kognitiven Beeinträchtigung. Beide gehören zu den Hauptursachen einer Demenz, wobei die Unterscheidung zwischen einer vaskulären, also gefässbedingten, Demenz und der neurodegenerativen Alzheimerdemenz nicht immer deutlich ist. Die Krankheitsprozesse, so weiss man heute, sind miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. «Damit wird klar, dass die Gefässe eine enorm wichtige Rolle bei der Entwicklung von Demenzen spielen», sagt Draganski.
Die Ursachen früh bekämpfen
Die grosse Herausforderung ist nun, solche krankhaften Veränderungen, die zum Untergang von Nervenzellen führen, möglichst früh zu erkennen und zu stoppen. Denn 40 Prozent der Demenzerkrankungen liessen sich gemäss einer Studie der Lancet-Kommission von 2020 verhindern. Idealerweise braucht es hierzu eine kostengünstige Diagnostik, die schon im jungen Alter ermittelt, welche Hauptrisiken dereinst die Hirngesundheit beeinträchtigen: Sind es eher die neurodegenerativen Prozesse, wie bei der Alzheimerkrankheit oder die Gefässe, wie bei einer vaskulären Demenz? Anschliessend müsste eine möglichst frühe und den individuellen Risiken angepasste präventive Behandlung einsetzen. Im vaskulären Bereich hat man bereits zahlreiche Therapieansätze. Doch vieles ist noch offen. Bei der Schädigung der kleinen Hirngefässe spielt beispielsweise der Bluthochdruck, insbesondere in jüngeren Jahren, eine sehr grosse Rolle. Gemäss Draganski wird sich die Prävention in Richtung personalisierte Medizin weiterentwickeln. «One size fits all» ist ein ungenügender Ansatz. Es müssen für jeden einzelnen Menschen die Vorsorgemassnahmen gefunden werden, die seiner oder ihrer Hirngesundheit am besten nützen.