Verborgene Hirnschläge ernst nehmen

Nicht jeden Hirnschlag spürt man. Verborgene Hirnschläge sind sogar drei- bis viermal häufiger als die bemerkbaren. Vieles darüber ist noch unklar. Stelle man jedoch einen verborgenen Hirnschlag fest, könne das eine Chance für die Gesundheit sein, meint der Neurologe Thomas Meinel.

Aktualisiert am 21. Mai 2024
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Nachdem Sonja K. wegen ihren häufigen Kopfschmerzen ein MRI bekommen hatte, sagte ihr der Arzt, dass nichts auf den Bildern die Schmerzen erkläre. Allerdings habe der Neuroradiologe – also derjenige, der die Bilder analysiert – eine Vernarbung entdeckt. Diese weise auf einen vergangenen Hirnschlag hin. Sonja K. konnte sich aber an kein solches Ereignis erinnern. Sie hatte nie Hirnschlagsymptome gehabt. Andere Ursachen für die Narben, wie ein Unfall oder eine Infektion, konnten ausgeschlossen werden. In solchen Fällen spricht man von einem stillen oder stummen Hirnschlag. «Verborgener Hirnschlag ist der bessere Begriff», entgegnet PD Dr. Thomas Meinel, Neurologe am Inselspital in Bern. Denn still oder gar belanglos ist das Ereignis nicht.

Andere Regionen betroffen
Verborgene Hirnschläge sind häufig. Drei- bis viermal häufiger als solche, die man bemerkt. Bei den über 70-Jährigen findet man in etwa 30 Prozent der MRIs Vernarbungen. Der Übeltäter ist oft der gleiche wie bei den spürbaren Hirnschlägen: Ein Gerinnsel verstopft ein Hirngefäss, wodurch Nervenzellen absterben. Weshalb man viele Hirnschläge dennoch nicht spürt, erklärt Thomas Meinel so: «Betroffen sind Regionen im Gehirn, die keine oder keine typischen Hirnschlagsymptome auslösen. Es sind meist etwas kleinere Stellen, die keine direkte Funktion haben.» Er vergleicht dies mit einem Auto. Hat der Motor einen grossen Schaden, bleibt das Auto stehen. Wenn hingegen das Rücklicht nicht brennt, merkt man dies womöglich erst bei der nächsten Kontrolle.

Wenig Wissen, keine Daten
Kann man nun einfach darüber hinwegsehen? Bislang ist man so verfahren, man hat dem zufälligen Befund keine Bedeutung zugemessen. An vielen Spitälern ist es heute noch so. Doch langsam sieht man das anders. Denn das Risiko einer Demenz oder eines grossen Hirnschlags ist bei Betroffenen um das Dreifache erhöht. Ausserdem können kognitive Probleme, Depressionen und Seh- oder Bewegungsstörungen eine Folge sein. «Erstaunlich ist, dass wir trotz der Häufigkeit und der Risiken eigentlich nichts über diese Hirnschläge wissen», sagt Meinel. «Für die Diagnostik und Behandlung haben wir noch keine Daten.» Auch fehlen Behandlungsrichtlinien. Die Neurolog*innen stützen sich heute auf das, was sie von den spürbaren Hirnschlägen wissen. Immerhin ist der verborgene Hirnschlag in der neuesten Klassifikation ICD-11 als eigene Erkrankung anerkannt worden. Die Forschungstätigkeit nimmt Fahrt auf.

Risiken abklären lohnt sich
Am Inselspital klärt man die Patient*innen seit sechs Jahren über den Befund auf. Sonja K. nimmt an einer anschliessenden Beratung teil. Hier erfährt sie, wie sie ihre Gesundheit besser schützen kann. Die Neurolog*innen versuchen zunächst, die gefundenen Narben einzuordnen. Hatte sie eine Herzoperation oder einen Kathetereingriff? Dabei können sich Ablagerungen in den Arterien lösen und zu kleinen Durchblutungsstörungen im Gehirn führen. Ein unbemerktes Vorhofflimmern kann ebenfalls Ursache sein. Am häufigsten sind jedoch Herz-Kreislauf-Risiken für das Ereignis verantwortlich, also Rauchen, Bluthochdruck, hohe Blutzucker- und Cholesterinwerte.

Herz und Hirn schützen
Ein solcher zufälliger Befund ist trotz der fehlenden Behandlungsrichtlinien eine Chance für Betroffene. «Es ist ein Warnsignal», betont Meinel. Denn jetzt kann eine gute Vorsorge, also ein gesunder Lebensstil und wenn nötig Medikamente, das Gehirn vor weiteren Schäden bewahren. Dies gilt auch für Herz-Kreislauf-Patient*innen, die ihre bestehende Behandlung nicht optimal befolgen oder deren Behandlung die Zielwerte nicht erreicht. Solche Patient*innen sieht er regelmässig in der Beratung. Ihnen erklärt Meinel, dass man mit einer guten Behandlung nicht nur das Herz schütze, sondern auch das Gehirn. Für viele ist dies eine zusätzliche Motivationsspritze, die Therapie nochmals richtig anzupacken. 

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Gesundes Gehirn bis ins hohe Alter

Immer deutlicher zeigt sich: Es lohnt sich, bis ins späte Alter für ein gesundes Gehirn zu sorgen. Denn Störungen des Nervensystems sind der dritthäufigste Grund für eine Behinderung oder den Tod. Neben grossem Leid verursachen sie hohe Kosten für unsere Gesellschaft.

Neuere Daten deuten darauf hin, dass 40 Prozent der Demenzen und 50 Prozent der Hirnschläge verhindert werden könnten. Dies macht die Prävention besonders wichtig. Deshalb hat die Europäische Akademie für Neurologie (EAN) unter dem Vorsitz von Prof. Claudio Bassetti, Neurologe am Berner Inselspital, 2022 eine Strategie für ein gesundes Gehirn ausgearbeitet. Ein wichtiger Pfeiler ist der gesunde Lebensstil. Dazu gehören unter anderem: ausreichende körperliche Aktivität, ausgewogene Ernährung, die Pflege sozialer Kontakte, ein guter Schlaf und Aktivitäten, die das Gehirn beanspruchen.

Darüber hinaus braucht es eine wirkungsvolle Behandlung der Risikofaktoren. Aber auch vermehrte gesellschaftliche Anstrengungen sind nötig, wie zum Beispiel mehr neurologische Forschung oder gesundheitspolitische Massnahmen, die unser Gehirn in Zukunft besser schützen.