«Wir kämpfen gegen einen Feind, den wir nicht sehen»

Paolo Machi ist interventioneller Neuroradiologe am Universitätsspital Genf (HUG). Bei einem akuten Hirnschlag hat er einen wichtigen Job: Er entfernt gefährliche Blutgerinnsel aus der Hirnarterie. Wüsste er schon vor der Behandlung, was genau dort in der Arterie steckt, wäre der Erfolg noch grösser.

Aktualisiert am 13. Februar 2025
Machi screenshot 23 web

Wie finden Sie im Notfall heraus, ob jemand einen Hirnschlag hat?
Prof. Paolo Machi:
Wenn jemand mit Hirnschlagsymptomen ins Stroke Center kommt, sehen die Notfallmediziner*innen schnell, dass es sich um ein neurologisches Problem handelt. Also, dass das Gehirn betroffen ist. Wir müssen dann herausfinden, ob die Ursache eine Hirnblutung oder ein ischämischer Hirnschlag ist.

Was ist der Unterschied?
Bei einer Hirnblutung platzt eine Arterie und es gelangt Blut ins Hirngewebe. Die Blutung zerstört die Nervenzellen im Gehirn. Bei einem ischämischen Hirnschlag hingegen blockiert ein Gerinnsel eine Hirnarterie. Dadurch gelangt nicht mehr genügend Blut dorthin. Man spricht auch von einem Infarkt. Wie bei einem Herzinfarkt erhalten Teile des Organs nicht mehr genug Sauerstoff, wodurch Gewebe abstirbt.

Wie können Sie die beiden Hirnschläge unterscheiden?
Die Symptome allein geben leider keine Auskunft, um welche Art Hirnschlag es sich handelt. Wir fertigen daher so schnell wie möglich Bilder des Gehirns mittels CT oder MRI an. Auf den Bildern erkennen wir, ob eine Blutung vorliegt oder nicht.

Das ist Ihre Aufgabe als Neuroradiologe?
Ja. Wir sind aber diagnostische und interventionelle Neuroradiolog*innen. Das heisst, wir analysieren nicht nur die Bilder, sondern führen auch Eingriffe durch.

Welche Art von Eingriff?
In 80 bis 90 Prozent der Fälle sind Blutgerinnsel die Ursache des Hirnschlags. In diesem Fall verabreichen die Neurolog*innen sofort ein Gerinnsel auflösendes Medikament, die sogenannte Lyse. Sobald wir interventionelle Neuroradiolog*innen auf dem Röntgenbild sehen, wo sich das Gerinnsel befindet, stossen wir mit einem Katheter über die Leistenarterie bis ins Gehirn vor. Mit einem Metallgitter, dem Stent Retriever, entfernen wir das Gerinnsel aus dem Gefäss. Das Gehirn wird dadurch wieder durchblutet und kann sich erholen.

Was sind dabei die Herausforderungen?
Zeit ist der wichtigste Faktor. Wir müssen die Arterie so schnell wie möglich wieder eröffnen. Denn einmal zerstörtes Hirngewebe können wir nicht mehr retten. Daher lautet bei uns die Faustregel: In den ersten 24 Stunden nach einem Verschluss können wir mit dieser Methode meist etwas erreichen. In dieser Zeitspanne werden die angrenzenden Gebiete teils von anderen Gefässen durchblutet.

Wie gross ist die Erfolgsrate?
Je schneller Betroffene in einem Stroke Center behandelt werden, desto besser wird das Resultat sein. Etwa 95 Prozent der verstopften Gefässe, die wir mit einem Stent Retriever behandeln können, eröffnen wir heute wieder. Bei sieben von zehn Patient*innen stellen wir drei Monate nach der Behandlung einen günstigen Verlauf fest.

«Ein neues Gerät könnte uns helfen, das Gerinnsel zu vermessen.»


Das klingt sehr eindrücklich. Gibt es dennoch Verbesserungspotenzial?
Ja. Eines der Probleme bei der Behandlung ist, dass das Röntgenbild das eigentliche Gerinnsel nicht abbildet. Wir erkennen nur, an welcher Stelle der Blutfluss gestoppt ist. Was sich dahinter befindet, wissen wir nicht. Wir kämpfen also gegen einen Feind, den wir nicht sehen. Deswegen brauchen wir manchmal mehrere Versuche, bis wir das Gerinnsel entfernt haben. Das kostet uns unter Umständen viel Zeit.

Wie könnte man schneller werden?
Wir müssten mehr Informationen über das Gerinnsel erhalten. Wie gross ist es? Wo genau befindet es sich in einer Abzweigung der Arterien? Wie ist seine Beschaffenheit? Dies würde uns helfen, von Anfang an die geeignetste Behandlung einzusetzen.

Wie gelangt man zu solchen Informationen?
Mehrere Wege bieten sich an. In unserem Forschungslabor arbeiten wir an einem Gerät, das vor dem Eingriff analysiert, wie das Gerinnsel beschaffen ist. Das Gerät misst die Grösse des Gerinnsels und auch die Konsistenz, also ob es eher weich oder hart ist. Ausserdem sollen die Messungen aufzeigen, wo genau im Gefäss das Gerinnsel liegt. Dieses Projekt wird von der Schweizerischen Herzstiftung unterstützt. Künstliche Intelligenz wäre ein anderer Weg.

Inwiefern?
Die Idee ist, dass eine Art künstliche Intelligenz anhand des ersten CT-Bilds der Patient*innen vor dem Eingriff ermittelt, wie das Gerinnsel beschaffen ist und wo es sich befindet. So können wir interventionelle Neuroradiolog*innen gleich die geeignetste Technik anwenden, um das Gerinnsel zu entfernen. An solcher Software wird momentan gearbeitet.

Die Behandlung eines akuten Hirnschlags macht also grosse Fortschritte.
Ja, aber dies alles nützt nichts, wenn Patient*innen zu spät in ein Stroke Center kommen. Daher wünsche ich mir sehr, dass Betroffene mit Symptomen schneller zu uns gelangen. Dazu können alle einen Beitrag leisten. Wenn Sie bei jemandem einen Verdacht auf einen Hirnschlag haben, warten Sie nie ab und rufen Sie sofort die Ambulanz!

Der Hirnschlag aus dem Herzen

Ein grosser Teil der Hirnschläge sind thrombo-embolisch bedingt: Gerinnsel werden aus anderen Gefässen oder dem Herzen ins Gehirn geschwemmt. Eine mögliche Ursache dafür ist ein persistierendes Foramen ovale, ein Loch zwischen den Herzvorhöfen. Bei diesem angeborenen Herzfehler kann ein Thrombus aus dem Körper durch das Loch vom rechten Vorhof in den linken und von dort ins Gehirn gelangen. Eine weitere häufige Ursache ist das Vorhofflimmern, eine Herzrhythmusstörung. Aufgrund des unkoordinierten Pumpens kann sich im Vorhof ein Gerinnsel bilden, das über die Aorta ins Gehirn gespült wird.

Die Schweizerische Herzstiftung unterstützt ein grosses Forschungsprojekt, das den Einfluss von Vorhofflimmern auf die Gehirnleistung untersucht. Weitere Informationen: www.swissaf.ch

Unterstützen Sie die Forschungsförderung der Schweizerischen Herzstiftung. Dank Forschung können Prävention, Diagnose und Therapie weiter verbessert werden, damit Menschen möglichst lange gesund und unabhängig bleiben und Betroffene trotz Erkrankung ein lebenswertes Leben führen.
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