Die unterschätzte Kraft des Schlafs
Ein gesunder Schlaf hilft, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Hirnschlägen und einer Demenz vorzubeugen. Dennoch findet er auch in der Medizin noch nicht die nötige Beachtung, meint der Schlafexperte Claudio Bassetti. Neue Erkenntnisse insbesondere zur Hirngesundheit führen nun zu einem Umdenken.
Man spürt es bereits nach einer einzigen schlechten Nacht: Der gestörte Schlaf macht uns übel gelaunt, gereizt und unkonzentriert. Bei Übermüdung häufen sich Unfälle auf der Strasse, bei der Arbeit und auch zu Hause. Schläfrigkeit hat einen ähnlichen Effekt wie Alkohol, sie beeinträchtigt unsere Wahrnehmung, Gefahreneinschätzung und Reaktionszeit. Bis zu 20 Prozent aller Verkehrsunfälle werden gemäss Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) der Müdigkeit zugeschrieben. Wenn das nicht schon ausreicht, dem guten Schlaf ein Kränzchen zu winden.
Ruhephase für die Organe
Der Schlaf entsteht im Gehirn, betrifft aber den ganzen Körper. So sinken beispielsweise der Blutdruck und die Herzfrequenz, der Magen-Darm-Bereich stellt seine Arbeit um. «Praktisch alle Körperfunktionen werden durch den Schlaf verändert», sagt Prof. Claudio Bassetti, Neurologe und Schlafmediziner an der Universität Bern. Dabei handelt es sich nicht um eine Auszeit, der Schlaf ist ein aktiver Prozess. Gewisse Teile des Gehirns werden stillgelegt, andere bleiben aktiv oder sind noch betriebsamer als im Wachzustand. Klar ist, dass wir ohne Schlaf nicht leben können. In Experimenten hat man festgestellt, dass Tiere bei dauerhaftem Schlafentzug irgendwann sterben. Beim Menschen ist es wohl gleich. Weshalb wir jedoch schlafen müssen, ist noch nicht abschliessend geklärt. «Wir denken, dass im Schlaf Energie eingespart und im Körper umverteilt wird, wodurch für die Organe Ruhephasen entstehen», sagt Bassetti. Ohne diese Ruhephasen nimmt der Körper Schaden.
Einfluss auf die Hirngesundheit
Neben den unmittelbaren Einbussen leiden Wohlbefinden und Gesundheit auch langfristig. Schlafmangel erhöht die Sterblichkeit. «Daher ist es höchste Zeit, dass wir über die Schlafgesundheit sprechen», mahnt Bassetti. Schlechter Schlaf fördert Übergewicht, Bluthochdruck, die Anfälligkeit für Infektionen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und führt zu Einbussen der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses. Selbst Wortfindung und Entscheidungsprozesse werden eingeschränkt. Am besten erforscht ist der Einfluss des Schlafes auf unser Gehirn. Der Schlaf spielt eine zentrale Rolle für dessen Funktionsfähigkeit. Dazu gibt es momentan zwei Hauptthesen. Erstens werden im Schlaf die für uns wichtigen Verbindungen in den neuronalen Netzwerken gestärkt. Unsere Synapsen speichern am Tag das Gelernte, indem sie im Gehirn neue Verbindungen anlegen. Dies ist jedoch nicht grenzenlos möglich. Im Schlaf findet eine Art Aussortieren dieser Verbindungen statt: Solche, die man benötigt, werden gefördert, andere wieder abgebaut. «Man kann dies mit dem Rebschnitt im Weinbau vergleichen», erklärt Bassetti, «man schneidet Zweige raus, um andere zu verstärken und die Qualität der Trauben zu verbessern.» Zweitens, so vermutet man, erlebt das Gehirn im Schlaf eine Art Wäsche. Das sogenannte glymphatische System sorgt dafür, dass Abfallstoffe im Nervensystem abtransportiert werden. Funktionieren das Aussortieren und die Wäsche nicht richtig, werden die Nervenzellen überreizt oder sterben gar ab. Dies führt zu neurodegenerativen Erkrankungen, zu denen beispielsweise die Parkinsonkrankheit oder die Alzheimerdemenz zählen.
Schlafmanko nimmt zu
Der Schlaf wird dann ungesund, wenn die Schlafdauer nicht genügend lang ist. Die meisten erwachsenen Menschen brauchen zwischen 7 und 9 Stunden, wobei es Lang- und Kurzschläfer gibt, die davon abweichen. In der heutigen Gesellschaft besteht die Tendenz, den Schlaf zu verkürzen, weil wir aus verschiedenen Gründen länger wach bleiben wollen oder müssen. Die durchschnittliche Schlafdauer ist folglich in der Schweiz in den letzten 30 Jahren um etwa 40 Minuten gesunken. Das führt bei vielen Menschen zu einem Schlafmanko. Wenn jemand hingegen länger schlafen möchte, es aber über längere Zeit nicht kann, spricht man von Ein- und Durchschlafstörungen. Man geht davon aus, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung darunter leiden. Dazu gehört auch ein ungünstiger Schlafrhythmus. Bei Schichtarbeit, verschobenen oder unregelmässigen Schlafenszeiten kann der zirkadiane Rhythmus durcheinanderkommen. Das ist der biologische Tag-Nacht-Rhythmus, der wesentlich unseren Schlaf mitbestimmt.
Störungen erhöhen Demenzrisiko
Der Schlaf ist also nicht nur ein Produkt der Biologie, sondern auch der sozialen Umstände. Deshalb gehört gerade der Stress zu den Hauptursachen für eine Schlafstörung. Aber auch andere Faktoren wie übermässiger Bildschirmkonsum, Lärm – auch im eigenen Schlafzimmer, beispielsweise durch schnarchende Partner*innen – oder Substanzen wie Kaffee, Alkohol oder Drogen verschlechtern die nächtliche Ruhe. Darüber hinaus gibt es rund 80 Erkrankungen, welche die Schlafdauer und -qualität mindern. Eine der verbreitetsten Krankheiten ist die Schlafapnoe. Das sind häufige nächtliche Atemaussetzer, die mit dem Schnarchen verbunden sind. Der Körper erhält zu wenig Sauerstoff und gerät in einen Alarmzustand. Betroffene erleben einen unruhigen Schlaf und fühlen sich am Tag oft müde oder schläfrig. Schlafapnoe erhöht den Blutdruck und das Risiko für Hirnschlag und Herzinfarkt. Heute geht man davon aus, dass zudem das Risiko für eine Demenz um etwa 30 Prozent erhöht ist.
Die Schlafgesundheit wird gemäss Bassetti noch immer vernachlässigt. Doch die neuen Erkenntnisse führen dazu, dass der gute Schlaf endlich auch über die Schlafmedizin hinaus auf Interesse stösst. Er wird von der American Heart Association seit Kurzem zu den wichtigsten kardiovaskulären Gesundheitsfaktoren gezählt, zusammen mit gesunder Ernährung, ausreichend Bewegung, normalem Körpergewicht, normalen Blutwerten, normalem Blutdruck sowie dem Rauchstopp. «Das heisst, auch der Kardiologe oder die Kardiologin sollte Sie fragen, wie Sie schlafen und, falls Sie schlecht schlafen, weshalb», sagt Claudio Bassetti.