Tief schlafen fürs Herz
Ein gesunder Schlaf hilft dem Körper, sich zu erholen. Das Herz scheint sogar direkt zu profitieren. Die Forschung will nun herausfinden, was den gesunden Schlaf ausmacht und wie man ihn verbessert.
Der Schlaf ist eines der grossen Mysterien der Menschheit. Viele Mythen und Geschichten ranken sich um ihn. Was im nächtlichen Zustand passiert, ist auch für die heutige Forschung weitgehend ein Rätsel. «Wir kennen die Funktionen des Schlafes noch immer nicht», sagt Dr. Caroline Lustenberger, Schlafforscherin an der ETH Zürich. «Zwar sehen wir immer mehr, dass der Schlaf an der Regeneration des Gehirns und des restlichen Körpers mitwirkt, wie allerdings, wissen wir nicht.» Eine erstaunliche Tatsache eigentlich, wenn man bedenkt, dass die nächtliche Ruhe einen Drittel unseres Lebens beansprucht.
Auch das Herz ist betroffen
Dass der Schlaf fürs Gehirn und die Gehirnplastizität wichtig ist, ist bislang am besten erforscht. Die Gehirnentwicklung braucht den Schlaf. Gelerntes bleibt nach einer guten Nachtruhe besser im Gedächtnis. Im Schlaf werden zudem chemische Abfallprodukte aus dem Gehirn abgebaut. Caroline Lustenberger vergleicht den Schlaf mit einer Waschmaschine, die unsere Schaltzentrale reinigt. Diese Reinigung spielt für den Verlauf von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer eine Rolle. Bei dieser Krankheit findet man krankmachende Ablagerungen von Eiweissteilchen im Gehirn. Es wird sozusagen zugemüllt. Diese Ablagerungen, so vermutet man, beeinträchtigen die Funktionen der Neuronen und führen zum Abbau der kognitiven Fähigkeiten. Immer klarer wird indes auch, dass der Schlaf nicht nur für ein funktionierendes Gehirn, sondern auch für die psychische Gesundheit und die Erholung anderer Organe wichtig ist. «Im Schlaf bekommt das Herz die notwendige Erholungsphase», so Lustenberger.
Fehlender Erholungseffekt
Dass schlechter Schlaf aufs Gemüt schlägt, kennt jede*r aus eigener Erfahrung. Nach einer miesen Nacht sind wir gereizt und stärker unseren Gefühlen unterworfen. Das heisst, auch für die Verarbeitung unserer Erlebnisse und die Regulation der damit verbundenen Emotionen spielt der Schlaf eine wichtige Rolle. Schlafstörungen beeinflussen darüber hinaus unsere körperliche Gesundheit direkt. Immer mehr ins Zentrum der Forschung rückt der Einfluss des Schlafes auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schlafmangel erhöht das Risiko von Übergewicht, einem bekannten Risikofaktor für Arteriosklerose. Was bei Schlafstörungen im Körper geschieht, versucht man herauszufinden. Festgestellt hat man bisher Folgendes: Das autonome Nervensystem, also dasjenige, das wir selbst nicht beeinflussen können, ist bei schlechtem Schlaf beeinträchtigt. Die Herzrate und der Blutdruck senken sich nicht so wie vorgesehen. Vermutlich finden auch Veränderungen auf der zellulären Ebene statt. Der oxidative Stress erhöht sich, was zu Entzündungen führt und die Innenschicht der Arterien schädigt. Zwei oder drei verpatzte Nächte sind nicht schlimm. Dauert der Zustand über Monate und Jahre an oder ist die Störung besonders belastend, wie bei einer Schlaf-Apnoe, steigt das Herzinfarkt- oder Hirnschlagrisiko.
Tiefschlaf als Schlüssel
Im Umkehrschluss ist ein erholsamer Schlaf unserer Gesundheit sicherlich zuträglich. Doch was macht den optimalen Schlaf aus? «Auch hier ist sich die Forschung noch nicht im Klaren», sagt Lustenberger. Die meisten Studien berücksichtigen nur die Schlafdauer. Zwischen sieben Stunden und neun Stunden Schlaf wird als gesund angesehen, ein zu kurzer, zu langer Schlaf oder Schlaflosigkeit erweisen sich als ungünstig. Die Dauer allein macht den gesunden Schlaf jedoch nicht aus. Ein ausreichend langer, aber zerstückelter Schlaf ist nicht erholsam. Wenn man in der Nacht immer wieder aufwacht, gerät unser System in einen ständigen Warnmodus. Das stört das Erholungsprogramm. Genügend lang und ununterbrochen sollte der Schlaf also sein. Wie er für unsere Gesundheit optimal wäre, was das Geheimnis der guten Schläfer*innen ist, weiss man indes nicht. Wir erleben in der Nacht mehrere Schlafphasen, in denen sich leichter Schlaf, Tiefschlaf und der REM-Schlaf, also die Phase, in der wir lebhaft träumen, abwechseln. Der Tiefschlaf findet vor allem am Anfang der Nacht statt und wird gegen Morgen leichter. Lustenberger geht davon aus, dass gerade der Tiefschlaf eine wichtige Funktion für die Erneuerungsprozesse im Körper hat. Darauf stützen sich die Forschungsprojekte ihrer Abteilung. Wenn man herausfindet, welche Aspekte des Schlafes der Gesundheit besonders nützen, wird man dafür Therapien entwickeln können. Der Schlaf ist also nicht bloss eine Pausentaste, und alles steht still. Es finden in unserem Körper noch wenig erforschte, aber wichtige Abläufe für die Gesundheit und den Alterungsprozess statt.
Was beeinträchtigt den Schlaf?
Schlechter Schlaf hat verschiedene Ursachen:
- Alkohol beeinflusst wie auch andere psychoaktive Substanzen, z.B. Schlaftabletten, die Schlafphasen.
- Stress ist ein grosser Schlafkiller. Das bewusste Herunterfahren vor dem Einschlafen und eine positive Einstellung zum Schlaf fördern diesen.
- Krankheiten wie Depressionen, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Atemstörungen wie Schlaf-Apnoe können den Schlaf stören.
- Auch Umweltfaktoren wie Lärm oder helles Licht haben einen Einfluss.
- Schliesslich nimmt mit fortschreitendem Alter der erholsame Tiefschlaf ab.