«Meine Lebenszeit ist verlängert worden»

Guido Scheerer leidet immer häufiger an Atemnot. Selbst kurze Spaziergänge werden ihm zu anstrengend. Bis zur Diagnose vergeht viel Zeit. Doch diese und die anschliessende Behandlung haben ihm womöglich das Leben gerettet.

Aktualisiert am 22. Mai 2024
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Der Flug von Washington nach Zürich, er erinnert sich noch an jedes Detail. An das gemütliche Abendessen mit seinem Partner Christian, den Film, den er sich danach anschaute. Kurz nach dem Abspann blickte der damals 57-jährige Guido Scheerer nochmals rasch auf den Monitor. Sie befanden sich auf 10 000 Metern Höhe über dem Atlantik. Bis nach Zürich dauerte es noch ein paar Stunden, Zeit für ein Nickerchen, dachte er. Und dann wurde ihm übel, er sah dunkle Punkte, bis alles komplett schwarz wurde. Nach einer kurzen Bewusstlosigkeit sass er neben einer Sauerstofflasche, ein Arzt sprach auf ihn ein. «Der Kapitän wollte in Dublin zwischenlanden», erzählt Scheerer, «doch ich lehnte dies ab.» So schnell wie möglich in die Schweiz, sagte er sich.

«Zum Glück gab der Hausarzt nicht auf und ordnete eine Herzuntersuchung an.»


Schlank und doch herzkrank?

Was diesen Kollaps im Flugzeug vor sechs Jahren ausgelöst hat, fanden die Ärztinnen und Ärzte nicht heraus. Für Guido Scheerer war dies aber ein Warnschuss. Er wollte sich jetzt dringend um seine Gesundheit kümmern. Immer stärker befiel ihn die Atemnot, wenn er körperlich aktiv war. Selbst kurze Spaziergänge wurden zu anstrengend. Abklärungen ergaben kein genaues Bild, er bekam zunächst ein Asthma-Spray gegen seine Atemnot. Erst viel später erkannte man, dass dies die Symptome einer Angina pectoris waren. Guido Scheerer erklärt es sich damit, dass er nicht wie ein typischer Herz-Risikopatient daherkommt. Er ist sehr schlank, bewegt sich regelmässig, isst ausgewogen und hat nie geraucht. Sein Äusseres hatte wohl auf eine falsche Fährte geführt. «Zum Glück gab der Hausarzt nicht auf und ordnete eine Herzuntersuchung an», erzählt er. Auf den Bildern der Herz-Computertomographie wurde nun sichtbar, was sich seit Jahren in seinem Inneren zusammenbraute.

Was im Innern schlummert
Guido Scheerer hatte im Leben viel ertragen müssen. Als Jugendlicher verlor er beide Eltern. Seine Tochter starb mit 14 Jahren, wie seine Eltern, an Krebs. Er brauchte lange Zeit, bis er akzeptieren konnte, dass er sich nicht zu Frauen hingezogen fühlt, sondern zu Männern. «Ich habe kein unbeschwertes Leben», sagt er, «auch wenn es von aussen anders erscheint.» Hinzu kam der Stress, der ihn an seinem Arbeitsplatz, dem Flughafen, immer häufiger plagte. Den Widrigkeiten des Alltags entfloh er, indem er ständig auf Reisen war. Mal schnell dorthin fliegen, mal dahin. An der Oberfläche führte er ein schillerndes Leben. Doch daheim angekommen, tauchten die alten Sorgen wieder auf. Eine gewisse Traurigkeit war ständig da. Irgendwann machte auch sein Körper nicht mehr mit. Durch eines seiner Herzkranzgefässe floss so wenig Blut wie das bisschen Wasser durch ein verstopftes Abflussrohr.

Von Betroffenen für Betroffene
Guido Scheerer und weitere Ansprechpartner*innen unterstützen und begleiten auf der Peer-Plattform der Schweizerischen Herzstiftung andere Betroffene bei ihren Herausforderungen.

Gestörter Fettstoffwechsel
Cholesterinablagerungen führten bei Guido Scheerer zu Verengungen der Herzkranzgefässe. Sein Herzmuskel erhielt dadurch zu wenig Sauerstoff. Man nennt dies Koronare Herzkrankheit. Diese Erkrankung erzeugt Engegefühle, Atembeschwerden und Schmerzen im Brustraum, Angina pectoris genannt. Oder, wenn die Gefässe ganz verschliessen, einen Herzinfarkt. Nach der Herz-Computertomographie, kurz vor Ostern 2020, erhielt er einen Anruf vom Universitätsspital Zürich. Er müsse so schnell wie möglich ins Spital, er habe mehrere Verengungen, eine sei hochgradig. Im Katheterlabor setzte man ihm einen Stent. Medikamente stabilisieren seitdem die Engstellen, die man nicht mit Stents behandeln konnte. In der Lipid-Sprechstunde am Unispital erfuhr Guido Scheerer zudem, dass ihm nicht nur die traurigen Schicksale, sondern auch ein viel zu hoher Cholesterinwert mit auf den Lebensweg gegeben wurde. Er leidet höchstwahrscheinlich an einer vererbten Störung des Fettstoffwechsels, der Familiären Hypercholesterinämie. Dagegen erhält er nun Medikamente, die das Cholesterin stark senken. Für die Kardiologin in der Sprechstunde war es höchste Eisenbahn. Hätte er jetzt nicht mit der Therapie begonnen, sagte sie ihm, wäre ein schwerer, womöglich tödlicher Herzinfarkt programmiert gewesen.

«Meine Lebenszeit ist verlängert worden», sagt Guido Scheerer. Das hat zwar nicht alle Probleme beseitigt. Auch die Herzgesundheit bleibt fragil. Aber er kann nun sein Leben neu anpacken. Bei seinem Kardiologen, der ihn auch kardiopsychologisch betreut, fühlt er sich gut aufgehoben. Ebenso bei Christian, mit dem er seit Jahren eine schöne Beziehung führt und der ihn in allen schwierigen Stunden immer liebevoll begleitet.

Familiäre Hypercholesterinämie (FH)

Manche Menschen haben seit Kindesalter hohe Cholesterinwerte. Betroffene wissen dies oft lange nicht, bis die krankhaften Ablagerungen in den Gefässen, Arteriosklerose genannt, erste Beschwerden oder gar einen Herzinfarkt verursachen. Heute weiss man, dass dies die Folge einer vererbten Erkrankung sein kann. Man nennt diese Erkrankung Familiäre Hypercholesterinämie (FH). Etwa eine von 200 Personen leidet darunter. Haben Familienmitglieder ersten Grades (Eltern, Geschwister) schon im jungen Alter eine Herzkrankheit, einen Herzinfarkt oder sehr hohe Cholesterinwerte, ist das Risiko hoch, selbst an einer FH erkrankt zu sein. Eine möglichst frühe Abklärung des Cholesterins und eine anschliessende Behandlung mit Cholesterinsenkern können Leben retten. Mehr dazu erfahren Sie im Interview mit Prof. David Nanchen.