Der programmierte Herzinfarkt
Pascal Fritsche hatte mit 33 Jahren einen Herzinfarkt. In einem solchen Alter denkt niemand an einen Herz-Notfall, auch er selbst nicht. Dafür ausschlaggebend sind genetische Faktoren. Er leidet unter einer Störung des Cholesterinstoffwechsels.
Wenn Pascal Fritsche Kollegen von seinem Herzinfarkt erzählt, reagieren alle geschockt. Der junge Mann hatte gerade 33 Jahre hinter sich, als sein Herz kurz vor dem Aus stand. In einem solchen Alter denkt niemand an einen Herz-Notfall, selbst Pascal Fritsche wusste anfänglich nicht, wie es um sein Leben stand.
Diagnose Herzinfarkt
Wir befinden uns mitten im Pandemie-Jahr, die ganze Welt spricht von Corona und der COVID-19-Infektion. Über die Symptome liest man täglich in der Zeitung oder im Internet und wohl alle haben schon mal bei Kratzen im Hals oder Unwohlsein eine Ansteckung mit dem Virus befürchtet. So ergeht es auch Pascal Fritsche. Er fühlt sich an einem Morgen im August 2020 unwohl und verspürt einen Druck auf der Brust, als ob jemand auf ihm sitzen würde. Er denkt sofort an Corona und will sich im Verlaufe des Tages testen lassen. Am Abend fährt ihn seine Freundin ins Basler Claraspital und wartet auf ihn. Dass dies nicht eine Viertelstunde dauern wird, wie angenommen, stellt sich bald heraus. Rasch erfolgen erste Untersuchungen, die Ärztin kommt mit der EKG-Aufzeichnung in der Hand und sagt: «Herr Fritsche, gut, dass Sie zu uns gekommen sind, wir haben den Verdacht, dass Sie gerade einen schweren Herzinfarkt erleiden.»
Pascal Fritsche lacht in der Aufregung, also doch kein Corona, wirft er nach. Dann telefoniert er seiner Freundin, sie könne kommen, er sei nicht ansteckend. Als die Ärztin den beiden daraufhin erklärt, dass sie zuerst einen Stent setzen wollen und falls das nicht geht, eine Bypass-Operation planen, fällt bei ihm der Groschen. Er und seine Freundin brechen in Tränen aus. «Ich hätte nie mit einem Herzinfarkt gerechnet, ich fühlte mich bloss ein wenig mitgenommen», erinnert er sich. Er war jung, gesund und sportlich, die zwei fielen aus allen Wolken.
Auch der Vater war betroffen
Wenn man jedoch genau hinschaut, kam der Infarkt doch nicht ganz aus heiterem Himmel. Sein Vater hatte mit 47 Jahren auch einen, Pascal Fritsche war damals 10 Jahre alt. «Wir waren mehrere Wochen in den USA in den Ferien», erinnert er sich. Zu Hause dann das Ereignis, das neben anderen in diesem Sommer die Familie erschütterte. Nachdem er mit seinem Schulfreund den Vater im Spital besucht hatte, schnappten sich die Buben daheim seine Toscani-Zigarren, hielten sie unter den Wasserhahn und zerbröselten sie im Garten. Dass ihn das gleiche Schicksal ereilen könnte und das noch deutlich jünger als seinen Vater, daran dachte er nicht.
In der Alterskategorie 25 bis 34 Jahren sind in der Schweiz gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) 2018 nur 74 Menschen an einem Herzinfarkt erkrankt. Das sind von den rund 18'000 Herzinfarkt-Patientinnen und -Patienten in diesem Jahr weniger als ein halbes Prozent, ein seltenes Phänomen also. Aber gerade das junge Alter ist ein Hinweis auf eine besondere Risikolage. Man geht davon aus, dass bei einem Herzinfarkt unter 55 Jahren bei Männern und unter 60 Jahren bei Frauen höchstwahrscheinlich eine familiäre Vorbelastung vorliegt, also krankmachende Gene geerbt worden sind und weitervererbt werden können. Heute kennt man rund 60 Erbgutvarianten, die mit einem höheren Herzinfarkt-Risiko assoziiert sind. Das heisst, man hat Regionen im Genom ausfindig gemacht, die in irgendeiner Verbindung mit dem Herzinfarkt stehen. Neben unserem westlichen Lebensstil ist die genetische Prädisposition also zu einem gewissen Grad mitverantwortlich für den Herzinfarkt und oft immer noch die grosse Unbekannte. Diese Erbgutvarianten werden deshalb intensiv erforscht. Das Ziel ist eine personalisierte Medizin. Wenn man die genetisch bedingten Gefahren kennt, kann schon früh eine passende Behandlung erfolgen – damit es erst gar nicht erst zum Ereignis kommt.
Vererbte Krankheit
Bei Pascal Fritsche kennt man den Verursacher bereits. Er leidet unter einer Familiären Hypercholesterinämie. Dies ist eine Erbkrankheit, von der etwa eine von 200 Personen hierzulande betroffen sind. Bei Betroffenen sind die Cholesterinwerte schon im jungen Alter stark erhöht und dadurch auch das Herzinfarkt-Risiko. Die hohen Blutfettwerte hat man bei Pascal Fritsche wie in vielen anderen Fällen jedoch erst nach dem Herzinfarkt festgestellt. Er erhält nun lebenslang eine Therapie mit Statinen, Lipidsenkern. Sie allein wirken bei ihm zu wenig. Dank einer neuen Therapie sind die Cholesterinwerte zwar noch immer nicht dort, wo sie sein sollten, aber deutlich tiefer als vorher. Beim Medikament handelt es sich um einen monoklonalen Antikörper, den er sich alle paar Wochen spritzen muss.
Gleich nach der erfolgreichen Katheterbehandlung im Spital sagte ihm der behandelnde Kardiologe: «Sie können ab heute zweimal Geburtstag feiern. Wenn Sie zu Hause geblieben wären, wären Sie jetzt nicht mehr da.» Dieser Satz rüttelte ihn auf und veränderte sein Leben. Er will sich deshalb seine grossen Träume schon jetzt erfüllen: Im nächsten Jahr eröffnet er in Basel eine Gelateria. Die Produktion läuft bereits in einer Confiserie an, er und sein Geschäftspartner tüfteln noch fleissig an neuen Sorten. Zudem will er mit seiner frisch verheirateten Frau bald eine Familie gründen. Sollte der Nachwuchs dereinst da sein, wird die Familie ihr Cholesterin im Blick behalten müssen. Denn das Risiko ist sehr gross, dass auch die Tochter oder der Sohn die Gene seines Vaters erben wird.