Grosseinsatz am kleinen Herzen
Leon hat einen schweren Herzfehler. Er braucht eine Operation, um zu überleben. Kurz nach der Geburt wird der Fehler im Universitäts-Kinderspital Zürich korrigiert. Wenn der achtstündige Eingriff gut verläuft, kann der Bub mit einem gesunden Herzen aufwachsen.
Quelle: Jen Haas
Nun liegt er da, der kleine Leon*. Ganz allein auf dem Operationstisch. Sechs Tage ist er alt und etwa vier Kilo schwer. Ein absolutes Leichtgewicht. Sein Leben hat im Universitäts-Kinderspital Zürich begonnen und dort wird er noch eine Zeit lang bleiben. Denn heute ist sein grosser Tag. Eine lange Operation steht ihm bevor, in der wieder in Ordnung gebracht werden muss, was die Natur zuvor vermurkst hat. «Leon hat einen schweren angeborenen Herzfehler», erklärt der Assistenzchirurg Clemens Haselmann. Er wird den Eingriff zusammen mit einem Kollegen und dem Herz-Team vorbereiten. «Wir führen eine unserer Lieblingsoperationen durch», fährt er gleich fort, «weil das Kind danach herzgesund ist. Uns steht eine schöne Operation an.»
Zwei vertauschte Hauptgefässe
Im Operationssaal ist es kühl. Das Büblein ist bereits in Vollnarkose und wird nun mit grünen Tüchern abgedeckt. Es ist Freitagmorgen um 9 Uhr und ein fast achtstündiger Marathon liegt vor ihm. So jedenfalls schätzen es die Operateure ein. Was sie erwartet, wissen sie nicht abschliessend. Das Herz eines Neugeborenen hat etwa die Grösse einer grossen Walnuss und das Gewicht von 5 Würfelzucker. Alles daran, die Herzklappen, die Herzhöhlen und Gefässe sind so winzig, dass man nicht jedes Detail auf dem Herzultraschall oder anderen Bildern sehen kann. Erst wenn die Chirurgen am offenen Herz arbeiten, zeigt sich, was sich im Innern wirklich abspielt.
Was man weiss, ist, dass bei Leon die beiden Hauptgefässe vertauscht sind. Man nennt dies auch Transposition der grossen Arterien (TGA). Das Herz hat sich nicht so entwickelt, wie es eigentlich hätte sollen. Irgendwann in den ersten Schwangerschaftswochen hat das Schicksal einen bösen Streich gespielt. Die Aorta entspringt statt aus der linken Herzkammer aus der rechten. Umgekehrt ist die Lungenarterie statt an der rechten an der linken Herzkammer angeschlossen. Dadurch ist auch der Blutkreislauf vertauscht: Anstelle sauerstoffreichen Bluts gelangt sauerstoffarmes Blut in den Körper. Vor der Geburt ist das noch kein Problem, weil dann der Kreislauf anders angelegt ist. Wenn das Kind jedoch zur Welt kommt und selbst atmen muss, wird es lebensgefährlich. Das Neugeborene kann dann zwar für eine kurze Zeit überleben, wenn man es entsprechend stabilisiert. Wird es aber nicht rasch operiert, überlebt es in den meisten Fällen nicht. «Früher, als eine Operation noch nicht möglich war, starben 90 Prozent der Kinder mit diesem Herzfehler», erklärt der Assistenzchirurg.
Der Kardiotechniker bedient die Herz-Lungen-Maschine. Sie übernimmt vorübergehend die Funktion von Leons Herz und Lunge. (Quelle: Jen Haas)
Operation möglichst kurz halten
Die Operateure werden die beiden Gefässe also vertauschen müssen. Sie nennen es den «arteriellen Switch». Damit sie dies können, muss das Herz offen- und später auch stillgelegt werden. Die vorbereitende Arbeit machen die Assistenzärzt*innen. Zunächst wird der Brustkasten durchtrennt und mit Klammern aufgespreizt. Nachdem alles offen ist, sieht man in der künstlichen Grube die kleine rote Walnuss schlagen. 130-mal pro Minute. Ein faszinierender Anblick. Inzwischen steht der Kinderherzchirurg im Saal und zieht seine sterile Kleidung an. Professor Hitendu Dave wird den Eingriff leiten. Er präpariert ein Instrument, das ihm später hilft, die Operation zu verkürzen. «Eine Eigenentwicklung», wie er stolz erklärt.
Das Team versucht, den Eingriff so effizient und kurz wie möglich zu halten. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass das Herz für eine gewisse Zeit stillgelegt werden muss. Dazu wird der Junge an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und sein Körper auf 32 Grad gekühlt. Die Maschine übernimmt die Funktion von Leons Lunge und Herz. Das bedeutet, sie saugt sein Blut ab, reichert es mit Sauerstoff an und speist es wieder in seinen Körper ein. Die Maschine ist zwar an kleine Kinder angepasst, dennoch reichen die 4 Deziliter Blut, die im kleinen Buben stecken, dafür nicht. Deshalb werden zusätzlich Blutprodukte verwendet. Da das stillgelegte Herz und die Herz-Lungen-Maschine das Neugeborene belasten, wird der Einsatz aufs Nötigste begrenzt. Jede gewonnene Minute zählt.
Präzisionsarbeit: Der Herzchirurg Hitendu Dave ist auf ein eingespieltes Team angewiesen. (Quelle: Jen Haas)
Heikle Kranzarterien
Leons Herz schlägt jetzt nicht mehr. Ein Medikament hat es zum Stillstand gebracht. Hitendu Dave kann sich nun an seine Arbeit machen. Er trägt in den nächsten Stunden eine Lupenbrille sowie eine Kamera an der Stirn. So können alle auf den grossen Bildschirmen verfolgen, was am kleinen Herzen vor sich geht. Die Operation sei nicht ganz einfach, erklärt er, es brauche höchste Konzentration. Hitendu Dave wird nicht nur die beiden Hauptgefässe trennen und umgekehrt wieder annähen, sondern auch die Koronararterien versetzen müssen. Die Lücke, die bei der Entnahme der Koronararterien entsteht, muss mit Gewebe aus Leons Herzbeutel rekonstruiert werden. Diese Arbeit ist besonders heikel, denn die Kranzarterien haben bloss einen Durchmesser von etwa einem Millimeter. Der Herzchirurg wird schliesslich auch das Loch in der Herzscheidewand schliessen müssen. Dies alles geschieht von Hand mit Nadel und Faden. Eine Pause oder eine Zwischenverpflegung haben hier keinen Platz. Hitendu Dave spürt die Anstrengung nicht. «Es ist erstaunlich, wie viel Adrenalin in mir ausgeschüttet wird», sagt er, «ich bin so auf das Ziel konzentriert, dass ich bei Operationen selten auf die Toilette muss und nichts zu essen brauche.»
Die grössten Strapazen des Lebens
Nach 16 Uhr sind die wichtigsten Arbeiten abgeschlossen. Leons Herz hat sich schon seit einiger Zeit daran gewöhnt, wieder zu schlagen. Die kleine, rötliche Walnuss bewegt sich wieder. Ob alles einwandfrei funktioniert, weiss das Team erst, wenn das Herz mit voller Kraft pumpt. Der Anästhesiearzt bereitet dazu den Ultraschall durch die Speiseröhre vor. Gebannt blicken der Herzchirurg Dave und das ganze Team auf die grossen Bildschirme. Das Team atmet auf. Es folgt eine kurze Besprechung, alles funktioniert bestens und Hitendu Dave verabschiedet sich. «Ich bin mit der Operation angesichts der Umstände zufrieden», sagt er, bevor er geht. Leons Kranzarterien lagen sehr ungewöhnlich, etwas, was er nur selten sieht. «Der Bub kann mit der Korrektur mit grosser Wahrscheinlichkeit normal alt werden.»
Der Brustkorb wird vorerst noch nicht zugenäht. Das Gewebe ist durch den Eingriff aufgeschwollen und das Herzchen hätte im verschlossenen Brustkorb nicht genug Platz. Stattdessen schützt ein eingelegtes Patch das Organ und die Assistenzärzte kleben die offene Wunde mit einem grossen Pflaster ab. Zwei Tage später, am Sonntag, wird das Team alles wieder zunähen. Zuerst den Brustkorb und schliesslich die Haut. Das Herzchen gehört dann wieder ganz dem kleinen Leon. Während er auf die Intensivstation gebracht wird, hängen noch unzählige Kabel und Schläuche an ihm. Der Bub hat nach nur sechs Tagen bereits die grössten Strapazen seines Lebens hinter sich.
*Name geändert
Eine schwierige Operation
In der Schweiz kommen jährlich etwa 800 Kinder mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Manche Fehler werden erst im Erwachsenenalter bemerkt, andere wiederum sind so schwer, dass sie gleich nach der Geburt behoben werden müssen. Der Fall von Leon (siehe Bericht) gehört zu den letzteren. Bei der Transposition der grossen Arterien (TGA) sind die grossen Arterien vertauscht, wodurch der Kreislauf falsch geschaltet ist. 1957 konnte dies erstmals operativ korrigiert werden. Dabei wurden die Blutströme innerhalb der Vorhöfe umgeleitet. Das Problem daran ist, dass dann der Kreislauf richtig funktioniert, das Herz aber «verkehrt» pumpt. Heute vertauscht man die grossen Arterien. Man stellt also einen Zustand her, wie man ihm beim normalen Herzen vorfindet. Diese Operation führte der brasilianische Chirurg Adib Jatene 1975 erstmals an einem Säugling durch. Die Schwierigkeit dabei ist, dass nicht nur die grossen Arterien, sondern auch die winzigen Herzkranzgefässe umgepflanzt werden müssen. Dieses Verfahren wird heute noch angewendet und verbessert die Lebenserwartung um Jahrzehnte.