«Wir nähen alles von Hand mit Nadel und Faden»
Hitendu Dave hat am Universitäts-Kinderspital Zürich schon über tausend Neugeborene, Säuglinge und Kinder am Herzen operiert. Die Herzen kleiner Kinder sind zwar sehr empfindlich, haben aber eine erstaunliche Fähigkeit, sich nach einer Operation zu erholen.
Professor Hitendu Dave arbeitet seit 2004 am Universitäts-Kinderspital Zürich, bis 2012 unter der Leitung des bekannten Herzchirurgen René Prêtre. Seit September 2013 ist Hitendu Dave dort als leitender Arzt in der Kinderherzchirurgie tätig.
Was sagen Sie Eltern, wenn Sie ihr Neugeborenes operieren müssen?
Prof. Hitendu Dave: Für die Mehrheit der Herzfehler haben wir eine gute Lösung. Den Eltern müssen wir daher das Vertrauen geben, dass wir es können. Dennoch bemühen wir uns, realistisch mit ihnen zu sprechen.
Was heisst realistisch?
Die Sterblichkeit beträgt durchschnittlich etwa zwei bis drei Prozent, die sehr schweren Herzfehler miteinberechnet. Bei leichten Fällen sind wir zuversichtlich, dass nichts passiert. Aber das Risiko ist nie null. Da müssen wir ehrlich sein.
Die Kinderherzchirurgie hat also grosse Fortschritte gemacht.
Ja, enorme. Bei komplexen Herzfehlern ist die Erfolgsgeschichte der Kinderherzchirurgie dank der Forschung eindrücklich. Kinder mit vertauschten Gefässen, einer sogenannten Transposition der grossen Gefässe, haben ohne Behandlung eine Sterblichkeit von 90 Prozent im ersten Lebensjahr. Heute leben 95 Prozent von ihnen dank der Operation bis ins hohe Alter.
Was denken Sie, wenn Sie ein solches Kind operieren müssen?
Ein Neugeborenes kommt mit einer Unschuld auf die Welt und so ist auch sein Gewebe. Das verpflichtet uns, sehr vorsichtig vorzugehen. Wenn wir aber alles korrekt machen, dann können wir auf die Natur zählen, dass es gut kommt. Es liegt also vieles an unserer Arbeit. Je perfekter wir es machen, desto länger kann ein Kind leben.
Wie bereiten Sie sich auf eine grosse Operation vor?
Am Tag vor der Operation studiere ich die Unterlagen, also Herzultraschall, Angiographie sowie die MRI-Bilder, und plane meine Strategie. Vor dem Einschlafen stelle ich mir die Operation bildlich vor. Ich stelle mir vor, wie sie positiv verläuft, aber auch die Zwischenfälle, die passieren könnten. Die Visualisierung ist mir wichtig.
Können Sie erklären, weshalb?
Das Faszinierende an der Kinderherzchirurgie ist, dass nicht nur viel Wissen nötig ist. Sie ist auch eine Kunst. Ich muss alles in drei Dimensionen denken und mir vorstellen können. Und nicht nur das Herz, wie es heute ist. Es wächst ja weiter. Ich muss die Strukturen so anlegen, dass sie schön mitwachsen können. Dies visualisiere ich und plane so meine Nähte und die eingesetzten Materialien.
Verspüren Sie eine Anspannung vor der Operation?
Nach tausend Operationen hat man keine Angst mehr. Ein stillgelegtes Herz fängt wieder an zu schlagen, das weiss man. Aber die Erwartungen an jede Operation sind hoch, deshalb verspüre ich schon eine Anspannung.
Das kleine Kinderherz ist wohl eine besondere Herausforderung.
Man darf nicht vergessen, wir nähen alles von Hand mit Nadel und Faden. Weil das Gewebe eines Kindes sehr weich ist und wir an Blutgefässen sowie dem Herzmuskel nähen, müssen wir sehr genau sein. Das beste Resultat erreichen wir, wenn wir keine zusätzlichen Stiche machen müssen. Denn diese können zu Einengungen führen. Gleichzeitig ist das Gewebe von Kindern meist sehr gesund. Es regeneriert sich schnell, wenn wir unsere Strategie erfolgreich umgesetzt haben. Ich bin selbst immer noch darüber erstaunt, wie ein operiertes Kind schon nach ein paar Tagen wieder schluckt und schreit.
Gibt es bei einer Herzoperation besonders kritische Momente?
Wir haben drei grosse Herausforderungen. Die erste ist die sichere Anbindung an die Herz-Lungen-Maschine. Diese übernimmt während des Herzstillstands den Kreislauf und stellt sicher, dass alle Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Zweitens müssen wir das Herz so stilllegen, dass es keine nennenswerten Schäden erleidet. Der korrekte Umgang mit dem zu operierenden Gewebe und die perfekte Wiederherstellung der Herzstrukturen sind die dritte Herausforderung.
Dies klingt nach einer Belastung für das Kind.
Der kleine Körper merkt, dass etwas Fremdes eingreift. Dies führt zu Gegenreaktionen und Stress. Doch das legt sich relativ schnell und führt in der Regel nicht zu weiteren Schäden.
Wie lange dauert eine Herzoperation?
Der häufigste Herzfehler ist der Ventrikelseptumdefekt, ein Loch in der Scheidewand der beiden Herzkammern. Bei diesem dauert die Operation drei bis vier Stunden. An komplexen Herzfehlern arbeiten wir nicht selten den ganzen Tag.
Acht bis zehn Stunden Operation, das muss sehr anstrengend sein.
Ich spüre die Anstrengung nicht. Es ist erstaunlich, wie viel Adrenalin in mir ausgeschüttet wird. Ich bin so auf das Ziel fokussiert, dass ich selten auf die Toilette muss und auch nichts zum Essen brauche. Nach acht Stunden bringt mir die Pflege etwas Wasser zu trinken.
Sind Sie nach der Operation erschöpft?
Ja, nach der Operation spüre ich das schon. Ich bin müde. Wenn wir ein gutes Resultat erreicht haben, schlafe ich danach sehr gut.
Wo stossen Sie und Ihr Team an eine Grenze?
Wir sind nicht Gott. Wenn wir bei sehr schweren Herzfehlern unser Bestes geben und trotzdem nicht alles wie gewünscht klappt, müssen wir trotzdem zufrieden sein. Bei unerwarteten Zwischenfällen, die sich auf die Lebensqualität des Kindes auswirken, sind wir aber enttäuscht.
Gibt es so schwere Herzfehler, bei denen sich eine Operation nicht lohnt?
Wir können alle Arten von Herzfehlern operieren, doch wir machen keine unnötigen Eingriffe. Wenn eine Operation keine Lebensqualität verspricht und das Kind danach nicht lange leben wird, sprechen wir uns im Team dagegen aus. Das ist zum Glück sehr selten der Fall.
Wie ist Ihre letzte Operation verlaufen?
Sehr gut. Wir mussten eine Koronararterie, die an einer falschen Stelle der Aorta abzweigte, umimplantieren. Diese Arterie hat beim Kind einen Durchmesser von einem Millimeter. Ich entfernte sie zusammen mit dem umliegenden Gewebe und nähte sie an der richtigen Stelle im richtigen Winkel an. Das hat prima geklappt.
Sie gingen also glücklich aus dem Operationssaal?
Am glücklichsten bin ich, wenn ich nach einer gelungenen Operation das Kind und die Eltern lächeln sehe.