«Wir helfen, das Herzvertrauen zurückzugewinnen»
Bei Herzkrankheiten ist die Psyche oft angeschlagen. Dies wiederum belastet das Herz. Die Psychokardiologin Mary Princip erklärt, wie eine Therapie Patient*innen hilft, mit ihrem Herzen besser und gesünder zu leben.
Weshalb belastet ein Herzereignis manche Menschen stark?
PD Dr. phil. Mary Princip: Ein Herzereignis ist eine plötzliche Erschütterung der eigenen körperlichen Unversehrtheit. Diese Erschütterung ist oft verbunden mit starken Schmerzen und Todesängsten. Hinzu kommt, dass das Gefühl der Bedrohung und der Hilflosigkeit auch nach dem Ereignis andauert. Also die Befürchtung, dass es jederzeit wieder passieren könnte. Insofern ist die psychische Belastung gut nachvollziehbar.
In welcher Situation kommt eine Herzpatientin, ein Herzpatient zu Ihnen?
Typischerweise nach einem Herzinfarkt oder nach einer Reanimation, also nach einem akuten Ereignis. Oft sind es Menschen, die in der Reha merken, dass sie nicht mehr so richtig zurück in den Alltag kommen, unter Schlafstörungen, Ängsten oder übermässigen Sorgen leiden, sich niedergeschlagen oder traumatisiert fühlen.
Was sind die Beweggründe der Betroffenen für eine Therapie?
Die meisten sagen, sie fühlten sich nicht mehr so wie vorher, sie seien dünnhäutiger und reizbarer geworden. Viele haben das Vertrauen in ihren Körper, in ihr Herz verloren. Manchmal sind es auch Angehörige, die bemerken, dass eine betroffene Person sich verändert hat, weniger Freude zeigt, weniger unternehmungslustig ist als früher oder sich zurückzieht. Angehörige können auch einen Anstoss geben, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Gibt es Warnsignale, die eine professionelle Hilfe nahelegen?
In den ersten zwei bis vier Wochen nach dem Ereignis sind psychische Reaktionen im Rahmen einer Krankheitsverarbeitung oft völlig normal. Das ist wichtig zu wissen. Wenn sich jemand danach zunehmend zurückzieht, dauerhaft schlecht schläft, gestresst und wenig belastbar wirkt, sind dies Hinweise, die hellhörig machen sollten.
Weshalb zögern einige, eine psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Das hängt wahrscheinlich mit falschen Vorstellungen von einer Psychotherapie zusammen. Man muss hier nicht seine Seele auf den Tisch legen oder die Kindheit aufarbeiten. In einem Anfangsgespräch besprechen wir, was das gemeinsame Ziel ist. Dies bedeutet nicht automatisch eine jahrelange Therapie. Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die denken, dass eine Therapeutin nur auf einen Knopf drücken muss und dann alles wieder gut ist. Es braucht eine Bereitschaft, an etwas mitzuarbeiten.
Der psychische Stress nach dem Ereignis ist nachvollziehbar. Hat dies wiederum einen Einfluss auf die Herzgesundheit?
Ja, die Psyche und das Herz beeinflussen sich gegenseitig. Wenn jemand nach einem Herzinfarkt starke Ängste oder eine Depression entwickelt, belastet dies das Herz direkt und indirekt. Direkt heisst: Ich bin ständig unter Strom, das sympathische Nervensystem ist aktiviert, die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen, das Herz muss mehr arbeiten, die Entzündungswerte sind höher als normal. Dies alles ist ungünstig für die Herzgesundheit.
Und wie schadet es dem Herzen indirekt?
Bei Stress, Depressionen oder bei Ängsten wird unser Lebensstil ungesünder. Wir bewegen uns weniger, wir essen fetthaltiger und zuckerreicher. Auch der Alkohol- und Tabakkonsum steigt.
Wie hilft nun eine psychokardiologische Behandlung den Betroffenen in einer solchen Situation?
Betroffene lernen in einer Therapie, wie sie ihre Herzerkrankung in ihr jetziges und zukünftiges Leben einbauen können. Die Herzerkrankung ist zwar ein neuer und wichtiger Aspekt des Lebens. Vieles ist dennoch auch mit der Krankheit möglich. Häufig reicht es bereits, die vorhandenen Ressourcen des Patienten, der Patientin zu erkennen und wieder zu aktivieren.
Und wenn das nicht reicht?
Wir gehen in einer Therapie auch die bei einer Herzerkrankung typischen Probleme an wie Stress, Schlafstörungen oder Depressionen und Ängste. Das sind Probleme, die wir in einer Psychotherapie meist gut behandeln können. Ich habe dazu Instrumente, die sich als wirksam erwiesen haben und mit denen ich zusammen mit dem Patienten, der Patientin arbeite. Grob gesagt geht es darum, die belastende Situation akzeptieren und besser damit umgehen zu lernen.
Wie lange dauert eine solche Behandlung?
Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal reicht eine Beratung von drei Sitzungen aus. Meist sind es etwa fünfzehn Sitzungen, die auch von der Krankenkasse übernommen werden. Bei Menschen mit einem angeborenen Herzfehler, Komplikationen oder erneuten Ereignissen kann die Therapie aber auch durchaus länger dauern.
Wann haben Sie zusammen mit den Patient*innen das Ziel erreicht?
Das kommt auf das zu Beginn gesteckte Ziel an. Meistens ist es dann erreicht, wenn der Patient oder die Patientin das Herzvertrauen zurückgewonnen hat und sich psychisch und körperlich wieder sicher fühlt. Also wenn man wieder erholt ist, besser schlafen kann, den Stress besser verarbeitet und am Leben wieder teilnimmt, es geniessen kann. Dies wirkt sich auch unmittelbar positiv auf die Herzgesundheit aus. Die Psyche ist immer Teil der Herzerkrankung und ein Teil des Genesungsprozesses.