Mit Yoga das Herz-Kreislauf-Risiko bei Frauen senken
Wechseljahrbeschwerden können mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einhergehen. Bisherige Studien haben gezeigt, dass Yoga diese Beschwerden sowie Stress und Entzündungsreaktionen reduzieren kann und damit möglicherweise das kardiovaskuläre Risiko senkt. Petra Stute und Kerstin Khattab wollen dies in einer neuen Studie nachweisen.
Die Framingham-Studie hat 1976 gezeigt, dass postmenopausale Frauen ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse haben. Weshalb ist das so und wie adressiert Ihre Studie dieses Risiko?
Prof. Petra Stute: Bei Frauen ändert sich nach der Menopause der Stoffwechsel. Es kommt zu einer Dyslipidämie und erhöhten Blutzuckerwerten, der Blutdruck steigt, mehr Fett wird im Bauchbereich eingelagert und es kommt zu einer Gewichtszunahme. All das erhöht das kardiovaskuläre Risiko. Besonders eine Menopause vor Alter 45 gepaart mit klimakterischen Beschwerden wie Hitzewallungen geht mit einer Erhöhung des kardiovaskulären Risikos einher. Allerdings ist man sich nicht sicher, was genau die Ursache ist: werden diese Veränderungen tatsächlich durch den Östrogenmangel ausgelöst oder handelt es sich um den natürlichen Alterungsprozess? Studien konnten bereits zeigen, dass durch Yoga obengenannte Risikofaktoren positiv beeinflusst und die klimakterischen Beschwerden reduziert werden. In unserer Studie wollen wir zusätzlich klären, ob diese Wirkung durch Beeinflussung des Östrogenlevels geschieht.
Prof. Dr. med. Petra Stute: Stv. Chefärztin und Leitende Ärztin Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin, Frauenklinik Inselspital Bern
In Ihrer Tätigkeit als Leiterin ambulante kardiale Rehabilitation in einer privaten Klinik setzen Sie bereits Yoga ein, insbesondere Iyengar-Yoga? Welche Vorteile bietet diese Yoga-Form?
Dr. Kerstin Khattab: Hatha-Yoga ist mittlerweile so gut untersucht, dass es seit 2016 in die Methodenliste der Komplementärtherapien bei der Organisation der Arbeitswelt KomplementärTherapie mit aufgenommen worden ist. Neben meiner Tätigkeit als Ärztin bin ich auch als Komplementärtherapeutin und als Ausbildnerin für Yogatherapie tätig. Das Entspannungstraining in Form von therapeutischem Yoga für unsere Herzpatientinnen in der ambulanten Rehabilitation leite ich persönlich. Ich habe schon viele positive Erfahrungen damit sammeln können, die in unser Reha-Programm eingeflossen sind. Ein Vorteil der weltweit bekannten Methode nach B. K. S. Iyengar ist, dass sie in jedem Alter ausgeübt und auch zuhause praktiziert werden kann. Bei unserer Methode setzen wir für die Yoga-Stellungen einfache Hilfsmittel ein, wie einen Stuhl oder eine Wand. Das erlaubt es, die Übungen entsprechend der Konstitution der Teilnehmerin anzupassen.
Dr. med. Kerstin Khattab: Ärztin für Kardiologie der Cardiance Clinic in Pfäffikon SZ und Leiterin einer Komplementärtherapeutischen Ausbildung für Yogatherapie in Zürich
Ein wichtiger Teil Ihrer Forschung ist der sogenannte biofunktionale Status, kurz BFS. Worum handelt es sich und warum ist der BFS für Ihre Studie relevant?
PS: Für den BFS werden körperliche, psychosoziale, mental-kognitive und psychomotorische Parameter gemessen, insgesamt sind es 45. Die körperlichen Parameter umfassen Blutdruck, Ausdauerfähigkeit, Kraft, Lungenfunktion und die Körperzusammensetzung. Die psychosozialen Parameter werden mit validierten Fragebögen erfasst, die mental-kognitiven mit computerunterstützten kognitiven Tests. Aus acht dieser 45 Parameter kann man das funktionelle Alter errechnen. Daran sieht man, wo die Person im Vergleich zu einer Referenzpopulation steht. Anhand des BFS und des funktionellen Alters sehen wir, ob das Yoga einen Zusatznutzen aufweist, unabhängig davon, ob die klimakterischen Beschwerden abnehmen.
Sie erwähnten, dass die klimakterischen Symptome verbessert werden sollen. Welche Symptome stehen hierbei im Fokus und wie wird der Erfolg gemessen?
PS: Wir erfassen das gesamte klimakterische Syndrom mit einem validierten Fragebogen. Es sind elf Faktoren, aus denen man einen Gesamtscore und drei Subscores bilden kann: einen psychologischen, einen somato-vegetativen und einen urologischen. Wir erwarten vor allem im psychologischen und im vegetativen Subscore eine Verbesserung. Zur Beurteilung der Lebensqualität ziehen wir zudem den schon erwähnten BFS bei.
In der Studie messen Sie zudem Entzündungsmarker wie das hochsensitive CRP und oxidative Stressparameter. Wie hängen diese Marker mit dem kardiovaskulären Risiko zusammen?
KK: Man weiss, dass hohe Werte von Entzündungsmarkern wie dem hochsensitiven CRP ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko voraussagen können. Beim oxidativen Stress wiederum ist die Balance verschoben, man hat ein niedrigeres Level von Antioxidantien. Das führt ebenfalls zu einem höheren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Verschiebungen der oxidativen Balance beeinflussen zudem den Alterungsprozess, indem Transkriptionsfaktoren für bestimmte Gensequenzen, die damit zusammenhängen, gesteuert werden. Es gibt Hinweise, dass Yoga den Zellalterungsprozess beeinflussen kann. Wir schauen deshalb in unserer Studie, ob sich die oxidativen Stressparameter durch das Yoga verändern und damit der Alterungsprozess der Zellen positiv beeinflusst werden könnte. Wir bestimmen ausserdem auch Marker für die Lipidoxidation. Oxidierte LDL-Moleküle sind verantwortlich für eine Entzündung der Gefässe und tragen direkt zur Entstehung einer koronaren Herzerkrankung bei.
Wie werden die Teilnehmerinnen ausgewählt und welche spezifischen Tests und Messungen werden durchgeführt?
PS: Wir suchen geeignete Frauen über die Sprechstunde, über Social Media und über Zeitungsanzeigen. Die Einschlusskriterien sind strikt. Es müssen Frauen sein, die kein Yoga machen und natürlich keine Hormonersatztherapie anwenden. Zudem müssen sie eine gewisse Beschwerdesymptomatik haben. Anschliessend werden sie randomisiert, entweder auf Yoga oder auf eine Art Warteliste. Bevor wir mit dem Yoga starten, machen wir die Labordiagnostik, bestimmen den biofunktionalen Status und lassen die Fragebögen ausfüllen. Nach 12 Wochen Yogatraining werden diese Werte nochmals bestimmt und mit den Ausgangswerten verglichen.
KK: Das Yoga-Programm hatten wir eigentlich zuerst vor Ort machen wollen. Dann kam Corona und wir entschieden uns, das Yoga online durchzuführen. Die Teilnehmerinnen haben einmal in der Woche einen Online-Yoga-Kurs von rund 90 Minuten. Das dort geübte Programm können die Frauen dann selbstständig zuhause durchführen, wobei sie Tagebuch über die gemachten Übungen führen. Sie sollen mindestens zweimal die Woche 45 Minuten üben.
Was erhoffen Sie sich von den Ergebnissen der 12-wöchigen Iyengar-Yoga-Intervention im Vergleich zur Kontrollgruppe?
PS: Wir gehen in erster Linie davon aus, dass sich der biofunktionale Status verändert, das ist ja unser primärer Endpunkt. Zudem erwarten wir eine Verbesserung der Hitzewallungen und der Parameter für Entzündung und oxidativen Stress. Ob sich auch an den Hormonen etwas verändern wird, ist schwieriger abzuschätzen.
Zusammenfassend: Wie könnte diese Studie zur Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen und zur Förderung eines gesunden Alterns beitragen?
KK: Wir wissen, dass die körperliche Aktivität sehr wichtig ist für die kardiovaskuläre Gesundheit und für ein gesundes Altern. Stress hat ebenfalls einen hohen Einfluss. Leute, die sehr gestresst sind, ernähren sich ungesund, treiben nicht regelmässig Sport oder hören nicht mit dem Rauchen auf. Das sehen wir auch in der Rehabilitation nach einer Herzerkrankung. Yoga setzt an der physischen und psychischen Ebene an, damit kann man mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: es ist körperlich aktivierend, führt aber nicht zu Hitzewallungen, es reduziert Stress, verbessert unser autonomes Nervensystem und kann auch bei psychischen Problemen und Schlafstörungen helfen. Frauen fühlen sich besonders vom Yoga angezogen und machen es gerne. Gerade im Rahmen einer Reha ist es vorteilhaft, wenn wir etwas empfehlen können, das auch Spass macht. Dann bleiben die Teilnehmerinnen eher dran. Wenn unsere Studie ein positives Ergebnis zeigt, hätten wir mit Yoga etwas, das man in der Reha als gesundheitsfördernd empfehlen kann.
Welche Bedeutung hat die Unterstützung der Schweizerischen Herzstiftung für Ihre Forschung?
PS: Es hat uns sehr viel bedeutet. Die Yoga-Lehrerinnen unterrichten gratis und die Doktoranden arbeiten auch alle gratis, aber die Laborkosten sind sehr hoch. Hinzu kommen die Werbekosten, um geeignete Frauen zu finden.
KK: Darüber hinaus finde ich es grossartig, dass die Schweizerische Herzstiftung sich schon seit vielen Jahren für die Herzgesundheit der Frau einsetzt. Ich glaube, die Herzstiftung hat einen grossen Beitrag dazu geleistet, dass die Wahrnehmung über die Unterschiede zwischen Frau und Mann, was Herz-Kreislauf anbelangt, in der Öffentlichkeit zugenommen hat.