«Lebenslang ist vielleicht gar nicht so lang»

Betroffene bloggen: Der Betroffenenrat der Schweizerischen Herzstiftung gibt Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Hirnschlag eine Stimme. In diesem Blogartikel gibt Benno Basler Einblicke darüber, wie es um seine persönliche Risikoabwägung steht und was das Wort «lebenslang» für ihn bedeutet.

Aktualisiert am 15. Februar 2024
Physician noting down symptoms bearb web

Dieser Blog bringt die persönliche Meinung der Mitglieder unseres Betroffenenrates zum Ausdruck. Die Schweizerische Herzstiftung übernimmt keine Verantwortung für deren Richtigkeit oder Vollständigkeit. Die gemachten Aussagen ersetzen nicht das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin.

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Es war im Jahre 2002, als ich zu einem ganz normalen Routine-Checkup beim damaligen Arzt vorbeiging. Alles lief rund und bei der Besprechung der Resultate teilte mir der Arzt mit, dass ich einen relativ hohen Blutdruck hätte für mein Alter. Nun, dachte ich, weiter nicht schlimm, ich merke das nicht, bin weder kurzatmig noch habe ich irgendwelche Beschwerden, die leistungsbegrenzend wären. Ich sollte einen Blutdrucksenker einnehmen, und zwar lebenslang, meinte er, weil hoher Blutdruck ein wichtiger Risikofaktor für Herzkrankheiten und Infarktrisiko sei. «Wenn Sie nichts unternehmen, leben Sie 10 Jahre weniger», war seine Aussage. Klartext.

Aber meinen Sie, das hätte mich beeindruckt? Hat es irgendwie wohl schon, sonst wüsste ich es nicht mehr. Aber die Perspektive, ein Medikament vielleicht noch 40 Jahre oder länger einnehmen zu müssen, ohne wirklich krank zu sein, war ein Gedanke, der nicht in meine Welt passte. Ich liess es zunächst sein und lebte so weiter wie bisher.

2017 erhielt ich dann den Schuss vor den Bug, die «Rechnung» für mein Verhalten: einen Infarkt, den ich nur mit sehr viel Glück überlebte. Von nun an war ich damit konfrontiert, dass mein Herz Schonung nötig hatte und dafür nun fünf Medikamente notwendig wurden, «lebenslang». Nur, diesmal hatte dieses Wort mental eine andere Bedeutung: Es meinte nun, «damit ich länger lebe». Mein jetziger Hausarzt hat mit mir dann die Einstellung der Medikamente auf das nötige Minimum durchexerziert und wir sind heute bei einer Dosis jedes Medikaments, die gut verträglich ist und das medizinische Ziel erreicht. Auch ist mir die Pharma insofern entgegengekommen, dass es eine Kombi-Pille von zwei Wirkstoffen gibt, welche die Zahl nun auf vier Pillen reduziert hat … was zwar nichts ändert, aber halt trotzdem das Gefühl von weniger hinterlässt. Schön wäre es mit einer Pille auszukommen, vielleicht kommt das ja noch.

Was ich sagen will: Das Verdikt, ein Medikament präventiv und lebenslang als Empfehlung zu bekommen, ist mit einer persönlichen Risikoabwägung verbunden. Ich verstehe jeden Menschen, der das mit 40 noch rausschieben möchte, insbesondere weil man ja oft bei Herzproblemen keine Symptome hat, und wenn man sie hat, es oft schon so dringend ist, dass eine Intervention notwendig ist. Damit will ich nicht sagen, dass in jedem Fall eine vorbeugende Medikation nötig ist, und auch nicht, dass ich mit dem Blutdrucksenker sicher keinen Infarkt gehabt hätte. Aber eben, dass die Bedeutung von «lebenslang» auch ein kurzes Leben sein kann, das bedenkt man zu dem Zeitpunkt halt intuitiv (noch) nicht.

Im Nachhinein frage ich mich: Was hätte mich damals überzeugt, mein Verhalten zu ändern? Nach all der Lektüre nach dem Infarkt komme ich zum Schluss: Nebst Aufklärung und Information hätte ein Bild meiner beschädigten Herzkranzgefässe wohl mehr gewirkt als selbst die markanten Worte meines Arztes im Jahr 2002. Hoffen wir also, dass sowas bald existiert, für alle die so denken wie ich damals.

Ihr Benno Basler

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Der Autor
BR Benno Basler

Benno Basler (Jg. 1952) ist pensionierter Chemiker. Im Beruf war er aktiv in der Lehre und im Gasturbinen-Geschäft. 2018 hatte er einen Herzinfarkt, und seitdem engagiert er sich im Betroffenenrat. Seine Interessen sind: Musik, Reisen, Wandern, Familie, Tanzen … und Schreiben.

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