«Ich bin zu ihrem Sprachrohr geworden»

Astrid Zurbuchen überlebte einen schweren Hirnschlag. Obwohl mehr Fähigkeiten als erwartet zurückgekommen sind, kann sie noch immer nicht sprechen. Dank ihrer Familie lebt sie heute allein zu Hause. Die Umstände bringen auch die Schwester Melanie an ihre Grenzen.

Aktualisiert am 13. Mai 2026
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Quelle: Ralph Hut

«Ich war ihre kleine Schwester, Astrid kümmerte sich in meiner Kindheit um mich», sagt Melanie Distel, «jetzt ist es umgekehrt. Ich sorge für sie.» Astrid Zurbuchen nickt. Wenn Melanie ihre gemeinsame Geschichte erzählt, gestikuliert Astrid immer wieder. In Worte fassen kann sie es nicht mehr. Die Sprache ist ihr noch zur Hälfte erhalten geblieben: Sie versteht zwar alles. Doch sich klar auszudrücken, gelingt ihr nicht, weder mündlich noch schriftlich.

Am Vortag des Ereignisses war sie noch auf den Ski. Sörenberg im Kanton Luzern ist ein Skigebiet, dort sind die beiden Schwestern geboren und aufgewachsen, dort sind sie verwurzelt. Es war der 26. März 2021, die Saison neigte sich schon dem Ende zu. Astrid war 49 Jahre alt, sehr sportlich, aktiv und selbstständig. Sie lebte allein und arbeitete zu Hause im Homeoffice. Es war Covid-Zeit. Melanie schrieb ihr im Verlaufe des Morgens eine Nachricht. Eine Antwort darauf erhielt sie nicht. Am Nachmittag wurde es ihr dann mulmig.

Sie rief ihre Eltern an und bat sie, bei Astrid vorbeizuschauen. Um 17 Uhr fanden sie sie im Bett vor, sie war an diesem Tag nie aufgestanden. Der Anblick muss für die Eltern schrecklich gewesen sein. «Astrid lag offenbar regungslos dort, mehr tot als lebendig», erzählt Melanie. Die Eltern alarmierten die Rega und ihre Tochter wurde mit dem Helikopter nach Luzern ins Kantonsspital geflogen.

Es sehe nicht gut aus, lautete der Befund am Abend. Wann sich der Hirnschlag ereignet hatte, weiss niemand. In der Nacht, vielleicht am Morgen. «Jedenfalls dauerte es viel zu lange, bis sie ins Spital kam», sagt Melanie. Grosse Teile des beschädigten Gehirns konnte man nicht mehr retten. Astrid lag im Koma und war nicht ansprechbar, ob sie überleben würde, war lange unsicher. Während sechs Wochen fuhr Melanie fast täglich von Sörenberg ins Spital nach Luzern. «Meine Eltern waren schon etwas älter und unser Bruder voll berufstätig. So übernahm ich die Aufgabe», sagt sie. Eine lange Zeit tat sich bei Astrid gar nichts, dann bewegte sich plötzlich eine Hand und eine Zehe. Irgendwann in der Reha erklärte man Melanie und ihrem Bruder, dass sie für ihre Schwester einen Platz im Pflegeheim suchen sollten, besser werde es nicht mehr, sie werde nie mehr selbst essen, trinken, sprechen und gehen können. Recht glauben konnte Melanie das nicht. «Wir wollten Astrid nicht in ein Heim mit 80-jährigen Pflegebedürftigen stecken, das kam für uns nicht infrage.»

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Astrid Zurbuchen und Melanie Distel. (Quelle: Ralph Hut)

Das Schicksal von Astrid wurde unweigerlich zum Schicksal von Melanie. Denn Astrid konnte seit dem Ereignis kein Wort sprechen. Auch die Ärzt*innen und das Pflegepersonal verstanden sie oft nicht. «Ich bin zu ihrem Sprachrohr geworden», erzählt sie. Sie musste herausfinden, was ihre Schwester sagen wollte, und es anderen mitteilen. Mit der Zeit ist sie zur zweiten Astrid geworden. Irgendwann erschöpfte sie dies, zu viel lastete auf ihren Schultern. Ihr ging es selbst nicht gut. Der grösste Teil ihres Alltags drehte sich um ihre Schwester und nicht mehr um ihren Ehemann, die drei Kinder, geschweige denn um sie selbst. Sie war damals 37 Jahre alt, ihre Kinder 4, 5 und 8.

«Wir brauchen heute nicht mehr 20 Minuten, bis ich weiss, dass Astrid eine Banane möchte.»


Astrid wurde im Frühsommer 2021 aus der Reha nach Hause entlassen. Ihr Zuhause war zeitweise bei der Familie von Melanie. Für die Schwester fand sie später im Dorf eine schöne, helle Wohnung mit Lift. Arm und Hand auf der rechten Seite sind vollständig gelähmt, Bein und Fuss kann sie benützen. Sie ist nicht nur auf die Unterstützung von Melanie angewiesen. Die Spitex kommt zweimal täglich vorbei, eine Freundin hilft ihr wöchentlich bei manchen Aufgaben, der Bruder ist ihr Vormund. Doch sie kann allein in der Wohnung leben. Verglichen mit der Prognose nach dem Hirnschlag ist dies ein unglaublicher Fortschritt. Ihr Gehirn hat einen Neustart erlebt und von fast Null an alles wieder lernen müssen. Astrid erhält weiterhin Logopädie, Physio- und Ergotherapie. Ein Tablet mit einem speziellen Programm unterstützt sie bei der Kommunikation. Für Alltagssituationen, die Familienmitglieder und die wenigen engen Bezugspersonen, die sie noch hat, gibt es Kacheln. Darauf kann sie drücken und das Programm spricht es aus. Eine riesige Erleichterung. «Wir brauchen heute nicht mehr 20 Minuten, bis ich weiss, dass Astrid eine Banane möchte.»

Viel Neues lernen musste auch Melanie. Welche Behörde oder Versicherung wofür zuständig ist oder wo es welche Unterstützung gibt. Das System sei so angelegt, dass einem wenig angeboten werde. Im Gegenteil, man zähle darauf, dass die Angehörigen die Arbeit einfach erledigten. Um Hilfe müsse man sich selbst kümmern, sagt sie. Inzwischen ist der Alltag der beiden gut strukturiert und bei der Administration greift ihnen jemand unter die Arme. Melanie hat sich wieder etwas erholt. Dennoch wünscht sie sich zusätzliche Entlastung. «Gerade auf dem Land sind wir noch nicht für Fälle wie meine Schwester gerüstet», sagt Melanie. Irgendwann wird Astrid wahrscheinlich im betreuten Wohnen leben müssen. Eigentlich eine gute Lösung. Ein solches Angebot in der Nähe gibt es für junge Leute jedoch nicht. «Man muss hier schon noch etwas umdenken», sagt Melanie, «denn die Menschen werden immer älter oder sind wie Astrid auf Unterstützung angewiesen. Die Angehörigen können unmöglich alles abdecken.» 

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