Wissen, wie man das Herz massiert

Um Menschenleben zu retten, braucht es ein paar Kenntnisse, viel Mut und einen kraftvollen Einsatz. Dies alles kann man früh lernen. Zwei Lebensretterinnen in Obwalden zeigen Schüler*innen, wie man im Notfall beherzt reagiert. Die Schweizerische Herzstiftung und eine spezielle Puppe helfen ihnen dabei.

Aktualisiert am 29. Januar 2024
Lebensrettung MG 1204

Vor einer Woche sei einem Schüler der Berufsschule in Schwyz das Leben gerettet worden, erzählt die Rettungssanitäterin Sandra Schallberger. Der Junge brach plötzlich zusammen. Ein 17-jähriger Kollege reagierte richtig und begann mit der Herzmassage. Der Betroffene überlebte. Ohne Erste Hilfe wäre er heute wahrscheinlich nicht mehr da, ergänzt sie und blickt in diesem Moment ganz ernst. Dass unser Leben auf einmal an einem Seidenfaden hängen könne, daran denke niemand gern. Aber es passiere überall, sagt sie, und gerade darauf sollte man gefasst sein.

Die saftlose Zitrone
Sandra Schallberger hat für den heutigen Morgen schon alles vorbereitet. Wir stehen vor der Grundacherschule in Sarnen, wo die Sonne das Giebeldach des idyllisch gelegenen Schulhauses schon kräftig bescheint. Die Privatschule legt Wert auf Autonomie der Schüler*innen, musische Tätigkeiten und soziales Lernen. Hinter der stattlichen Villa und dem Spielplatz steht der neue Annex. Dort im unteren Geschoss, wo sich der Musiksaal mit einer kleinen Bühne befindet, scharen sich zwanzig Schüler*innen zwischen 12 und 14 Jahren um Barbara Gasser. Sie ist heute neben Sandra Schallberger die zweite Rettungssanitäterin von «Härz fir Obwaldä», die den Lebensrettungskurs in den Schulen des Kantons durchführt. Gleich zu Beginn hält sie eine Zitrone in die Luft und erklärt, dass der Saft nur dann aus ihr spritzt, solange man diese presst. Genauso ist es auch mit dem Herzen. Wenn es nicht mehr pumpt, fliesst kein Blut mehr durch unseren Körper.

Nun gilt es also ernst. Die Schülerinnen und Schüler packen ihre grünen Plastiksäcke aus, ein grosses Rascheln beginnt. Die Schweizerische Herzstiftung finanziert das Material für die Schulung: für alle eine aufblasbare Übungspuppe, MiniAnne genannt, einen Defibrillator aus Karton und einen Flyer, damit man zu Hause alles nochmals wiederholen kann. Nach ein paar Minuten warten zwanzig pralle Puppen darauf, so richtig gequetscht zu werden. Der Geräuschpegel steigt merklich. Barbara Gasser erklärt, wo man, wie stark und wie oft pressen muss. Und dass man keine Angst haben dürfe, wirklich kraftvoll zu drücken, auch wenn es dann mal knacken könne. Aber im Notfall sei eine gebrochene Rippe egal, die wachse wieder zusammen, sagt sie.

Irgendwann können alle Leben retten
«Für mich ist sonnenklar, dass wir ein solches Angebot nützen», meint der Schulleiter Victor Steiner. Lebensrettung sei ihm wichtiger als der Inhalt der ausgefallenen Stunden. Die Grundacherschule ist nur eine Schule in Obwalden, wo Lebensrettungstechnik in Basic Life Support (BLS) unterrichtet wird. In einem Pilotprojekt werden im Kanton flächendeckend und kostenlos fast 400 Schüler*innen der Oberstufe mit dieser Technik und der Benützung des automatischen externen Defibrillators (AED) vertraut gemacht. Weitere Kantone sollen folgen. «Irgendwann können alle Kinder und Jugendliche Leben retten», schwärmt Nicole Mäder, die das HELP Jugend- und Schulprogramm der Schweizerischen Herzstiftung leitet. «Wäre das nicht wunderbar?»

Nötig ist es jedenfalls. Denn bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand ausserhalb des Spitals ist die Überlebensrate sehr tief. Man spricht von 5 Prozent. Viel zu wenig. Ein Herz-Kreislauf-Stillstand kommt meist plötzlich. In der Regel liegt ein Kammerflimmern vor, das Herz schlägt so schnell und unkoordiniert, dass es kein Blut mehr pumpen kann. Damit der Körper und das Gehirn keine Schäden nehmen und Betroffene überleben, sind gerade die ersten Minuten bis zum Eintreffen der Ambulanz ausschlaggebend. In dieser Zeit hilft die Herzmassage von Laien, den Körper weiter mit Blut zu versorgen. Der zusätzliche Einsatz eines externen Defibrillators, also eines mit einem grünen Herz ausgezeichneten Geräts auf Bahnhöfen und in Gemeindehäusern, kann ein Kammerflimmern wieder in einen normalen Herzrhythmus zurückführen.

Anstrengender als gedacht
«Jetzt wird es elektrisch», sagt Barbara Gasser kniend auf der Bühne des Musiksaals. Sie erklärt, wie die Defi­brillatoren den rettenden Stromstoss an eine Person mit Herzversagen abgeben, und schaltet das Köfferchen ein. Die Schülerinnen und Schüler haben ihrerseits ein ­Kartongerät mit Klebern, was wie ein Defi mit Elektroden aussieht. Wieder wird fleissig geklebt und gleichzeitig fest auf die Brust der MiniAnne gepresst, schön im Rhythmus von «Staying Alive», dem Disco-Hit aus den 1970er-Jahren. Am Schluss kommt die Bewusst­losenlagerung an die Reihe, die sich nicht nur bei Herznotfällen, sondern auch – wir sind hier in der Innerschweiz – während der Fastnachtszeit bei Betrunkenen immer wieder bewährt, wie ein Lehrer ergänzt. Nach zwei Stunden kurz vor der Mittagszeit ist der Kurs zu Ende. Die Schüler*innen sind erschöpft. «Das war anstrengender, als ich gedacht habe», sagt die 13-jährige Sina, «aber eine gute Übung.» Ob sie sich nun zutrauen würde, jemandem, der auf dem Trottoir liegt, das Leben zu retten? «Ich würde es versuchen, ja», antwortet sie. Ein kleines Zögern bleibt in ihrer Stimme zu hören. Aber sie weiss jetzt, was sie tun muss, und den guten Vorsatz hat sie gefasst.