«Vorhofflimmern gefällt dem Herzen auf die Dauer nicht»

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung. Es erhöht das Risiko für einen Hirnschlag und eine Herzinsuffizienz. Der Rhythmologe Michael Kühne sieht grosse Fortschritte in der Katheterablation. Nach der Verödung in den Herzvorhöfen verschwindet bei vielen Patient*innen das Vorhofflimmern.

Aktualisiert am 17. Februar 2026
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Zahlreiche Hirnschläge sind auf Vorhofflimmern zurückzuführen. Kann man dies beziffern?
Prof. Michael Kühne:
Ungefähr 20 bis 30 Prozent der Hirnschläge gehen auf das Vorhofflimmern zurück. Hinzu kommt, dass diese Hirnschläge häufig schwerer sind als diejenigen, die eine andere Ursache haben.

Gleichzeitig gibt es wegen Vorhofflimmern auch unbemerkte Hirnschläge.
In unserer Swiss AF-Studie haben 20 bis 25 Prozent der Patient*innen mit Vorhofflimmern im Hirn-MRI einen Befund, den man als Hirnschlag bezeichnen kann. Ein grosser Teil der Betroffenen hatte aber keinen deutlichen Hirnschlag. Entweder waren die Hirnschläge nur klein oder sie erfolgten an einem Ort im Gehirn, wo man sie nicht als solche bemerkte.

Also ohne Folgen?
Nein, die Hirnschläge sind eben nicht stumm, obwohl sie so heissen. Sie hinterlassen ihre Spuren. Sie verschlechtern die kognitive Funktion, also die Gehirnleistung.

Wie kann man das verhindern?
Indem man das Vorhofflimmern früh entdeckt und behandelt. Blutverdünner verhindern, dass sich im Herzen ein Gerinnsel bildet, das den Hirnschlag auslöst. Die Medikamente schützen allerdings nicht komplett. In unserer Studie erleiden 5 Prozent der mit einem Blutverdünner Behandelten nach zwei Jahren trotzdem einen stummen Hirnschlag.

Wie bemerkt man das Vorhofflimmern?
Beim Vorhofflimmern schlägt das Herz zu schnell und unregelmässig. Der Grund dafür ist eine unkoordinierte Aktivierung der Herzvorhöfe. 60 bis 70 Prozent der Betroffenen bemerken dies in Form von Herzrasen, Herzklopfen oder -stolpern. Oder sie haben indirekte Symptome, ihre Leistung nimmt ab, sie leiden unter Atemnot. Bei 30 bis 40 Prozent findet man das Vorhofflimmern zufällig, ohne dass die Betroffenen etwas gemerkt haben. Beispielsweise nach einem Hirnschlag.

Wie diagnostizieren Sie das Vorhofflimmern?
Mit einem EKG. Viele Betroffene haben das Vorhofflimmern jedoch anfallsartig, manchmal ist es da, dann wieder nicht. In solchen Fällen müssen wir es oft suchen. Traditionell hat man dazu ein Langzeit-EKG mit einem tragbaren Gerät gemacht. Heute kleben wir für zwei Wochen ein EKG-Pflaster auf die Herzgegend und erhalten so die nötigen Informationen. Wenn das Vorhofflimmern nicht innerhalb von zwei Wochen auftritt, können auch Smartwatches weiterhelfen.

Man sagt, dass das Vorhofflimmern sich Vorhofflimmern beibringt. Was meint man damit?
Wenn das Vorhofflimmern lange anhält, treten im Bereich der Zellen im Vorhof strukturelle Veränderungen auf. Diese wiederum begünstigen das Vorhofflimmern. Je mehr man es hat, desto öfter wird es ausgelöst, bis es irgendwann chronisch ist.

Beeinträchtigt dies auch die Herzgesundheit?
Bei Vorhofflimmern ist der Puls unregelmässig und zu schnell. Dies gefällt dem Herzen auf die Dauer nicht. Die Leistung wird eingeschränkt und dessen Struktur verändert sich. Es kann zu einer Herzinsuffizienz kommen.

Was kann man dagegen tun?
Wir versuchen, ein bestehendes Vorhofflimmern wieder in den normalen Herzrhythmus, den Sinusrhythmus, überzuführen, am Anfang zum Beispiel mit einer Kardioversion. Dabei wird in einer Kurznarkose mit einem Elektroschock das Herz wieder in den normalen Rhythmus gebracht. Dies ist aber nur Symptombekämpfung. Um eine langfristige Wirkung zu erzielen, stehen uns Medikamente, sogenannte Antiarrhythmika, und die Katheterablation zur Verfügung. Die Katheterablation ist ein Eingriff, bei dem wir in den Vorhöfen Teile des Gewebes veröden. Dadurch blockieren wir die fehlgeleitete Aktivierung.

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Professor Michael Kühne ist leitender Arzt der Kardiologie und Vorsitzender des Universitären Herzzentrums am Universitätsspital Basel. Er ist auf die invasive Behandlung von Herzrhythmusstörungen spezialisiert. Neben der Katheterablation zählt dazu auch die Implantation von Schrittmachern und Defibrillatoren. (Quelle: Jen Haas)

Die Katheterablation hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen.
Das stimmt. Die Katheterablation gibt es seit ungefähr 25 Jahren. In den Anfängen hat man diesen Eingriff selten durchgeführt und meist nur dann, wenn die Medikamente nicht oder nicht mehr wirkten. Die Verödung dauerte damals noch 5 Stunden. Mit den neuesten Technologien, die wir einsetzen, braucht man noch etwa eine Stunde. Auch das Risiko für Komplikationen ist stark zurückgegangen. Weil sie so sicher und effizient geworden ist, können wir die Katheterablation heute als Therapie der ersten Wahl anbieten und nicht nur als zusätzliche Möglichkeit nach der Therapie mit Medikamenten.

Welches Resultat zeigt die Katheterablation?
Grosse Studien der letzten Jahre haben alle gezeigt, dass die Katheterablation bessere Resultate zeigt als Rhythmus-Medikamente. Bei anfallsartigem Vorhofflimmern verschwindet das Vorhofflimmern zu über 80 Prozent.

Auch die Techniken haben sich verändert. Wie wirkt sich dies auf die Therapie aus?
Bis vor Kurzem hat man eine Verödung mit Kälte oder Wärme durchgeführt. Seit drei Jahren verwenden wir die Elektroporation, auch gepulste Feldablation genannt. Man gibt ganz kurze elektrische Signale ab mit sehr hoher Spannung, also 2000 Volt. Die Signale sind jedoch so kurz, dass es im Gewebe nicht zu einer Wärmeentwicklung kommt. Die früheren Methoden hatten ein kleines Risiko für Schäden am Gewebe rund ums Herz. Mit der gepulsten Feldablation fällt dieses Risiko komplett weg.

Wann hat die Therapie weniger Erfolg?
Wenn das Vorhofflimmern schon Jahre besteht und der Vorhof grossen Schaden genommen hat, nimmt der Erfolg der Katheterablation, aber auch der Medikamente ab. Wir haben dann noch die Möglichkeit, den AV-Knoten, eine Stelle im Reizleitungssystem, zu veröden. Allerdings muss das Herz anschliessend durch einen Herzschrittmacher gesteuert werden.

Kann man die Blutverdünner weglassen, wenn die Katheterablation erfolgreich ist?
Das ist ein heisses Thema und wird momentan stark beforscht. Wir führen die Blutverdünnung in vielen Fällen weiter, weil wir nicht wissen, ob nach einer erfolgreichen Katheterablation das Hirnschlagrisiko abnimmt. Erste Studien zeigen, dass Betroffene, die kein oder fast kein Vorhofflimmern mehr und ein tiefes Hirnschlagrisiko haben, in den meisten Fällen keine Blutverdünnung mehr brauchen. In Kürze wissen wir hier bestimmt mehr.

Gibt es auch bei den Rhythmusmedikamenten Fortschritte?
Leider nein. In den letzten Jahren ist nichts Neues hinzugekommen und ich sehe in nächster Zukunft keinen Durchbruch.

Hingegen hat die KI in der Medizin Einzug gehalten. Was kann sie im Bereich Vorhofflimmern bewirken?
Die KI hat ein grosses Potenzial bei der Analyse der EKGs. Wir wollen ja, dass die Diagnose Vorhofflimmern aus den Daten der Langzeit-EKGs und Uhren zu 99,99 Prozent stimmt. Die KI passt ihre Algorithmen ständig an und hilft uns, die Diagnosen zu verbessern. 

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