«Mir war nicht bewusst, was dies bedeutete»

Dorothee Baumann hat nach einem schweren Herzinfarkt ein Kunstherz erhalten. Im Jahr darauf ein Spenderherz. Das neue Herz ermöglicht ihr ein neues, selbstbestimmtes Leben, das dennoch nicht immer einfach zu meistern ist.

Aktualisiert am 17. Februar 2026
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Quelle: Ralph Hut

Wieder in die Migros einkaufen gehen, mal draussen in der freien Natur auf einem Bänkli sitzen, das ist für Dorothee Baumann ein riesiges Geschenk. Sie erholt sich gerade von einem Oberschenkelbruch. Dies ist der letzte von ein paar Tiefschlägen, die ihr versetzt wurden. Lange genug war sie in den vergangenen Jahren eingeschlossen, in den vier Wänden eines Spitals, in der Rehabilitation oder zu Hause. Immer wieder musste sie auf die Hilfe anderer Menschen zurückgreifen. «Ich bin gar nicht die Person, die gern ‹bitti-bätti› macht», sagt sie. Aber manchmal kommt sie nicht darum herum.

Herzinfarkt in den Ferien
Vor 11 Jahren war das noch ganz anders. Damals war sie 55 Jahre alt. Sie flog mit ihren zwei Söhnen in den Urlaub in die USA. Eine entspannte Zeit in Florida hätte es werden sollen. Als sie nach einer Velofahrt wieder ins gemietete Haus zurückkehrte, fühlte sie sich nicht wohl. Ihr war heiss. Erschöpft legte sie sich aufs Bett. Erst viel später begannen ihr Rücken und Oberarm zu schmerzen. «Ich wusste, dass da etwas nicht stimmte», erzählt sie. Sie wies ihren jüngeren Sohn an, einen Arzt zu rufen. Dank der Schweizer Vermieterin kam rasch Hilfe. «You had a heart attack», sagte der Sanitäter noch im Rettungswagen. Nach 14 Tagen Behandlung im Spital flog sie unter ärztlicher Begleitung in die Schweiz zurück. Eine Ambulanz brachte sie vom Flughafen ins nächste Spital. Dort fiel sie für längere Zeit ins Koma. Danach sah es zappenduster aus. «Noch 10 bis 15 Prozent Pumpleistung», erzählt sie, «ich sah nicht, wie ich so weiterleben konnte.» In einem kurzen wachen Augenblick verlangte sie, dass die Geräte, die sie am Leben hielten, abgestellt werden. Es folgten mehrere, schwierige Gespräche zwischen den Ärzt*innen und ihren Angehörigen.

Lästiges Kunstherz
«Zum Glück hatte ich im richtigen Moment immer eine Perspektive. Dies hat mir geholfen, mein Leben wieder anzupacken», sagt sie. Noch während sie im Koma lag, wurde ihr ein Kunstherz implantiert mit der Möglichkeit, dass sie später einmal ein Spenderherz bekommt. «Ich wusste damals nicht, was das bedeutete», ergänzt sie, «und rückblickend wünsche ich das Kunstherz wirklich niemandem.» Dabei handelt es sich nicht etwa um ein komplettes künstliches Herz, sondern um ein Herzunterstützungssystem. In der Regel ist dies eine Pumpe, die in die linke Herzkammer eingepflanzt wird und das sauerstoffreiche Blut in den Köperkreislauf befördert. Am Oberkörper ist ein Traggurt befestigt mit einem Kontrollgerät und Reservebatterien. Der Kasten mit dem Kontrollgerät wird über einen Schlauch, der seitlich im Bauch eingebracht wird, mit der Pumpe im Herzen verbunden. Alle 6 Stunden muss man die Batterie wechseln. Mit dem Kunstherz lebte Dorothee Baumann über ein Jahr. Es ermöglichte ihr, weiterzuleben. Doch schön war das nicht. «Den Gurt mit dem Gerät tragen Sie 24 Stunden am Tag, beim Duschen, im Schlaf, an der Coop-Kasse», sagt sie, «das Ding ist hässlich und total lästig.» Sie sagte sich, vielleicht habe jetzt sie mal Glück und erhalte bald ein Spenderherz.

Anruf mitten in der Nacht
Es ging ihr schlecht. Bei einem der vielen Spitalbesuche kam ihr auf einem der langen Korridore der Chefkardiologe entgegen. Er blickte sie an und sagte ihr, dass es so nicht weitergehe. Sie wurde von ihm auf die Dringlichkeitsliste für eine Herztransplantation gesetzt. Gut ein Jahr später klingelte nachts um zwei Uhr das Telefon und eine Stimme forderte sie im Halbschlaf auf, so rasch wie möglich zu kommen, ein Herz stehe für sie bereit. Swisstransplant fuhr sie gleich ins Universitätsspital Zürich. «Und dann haben sie mir das Kunstherz rausgenommen und ein echtes Herz implantiert», erzählt sie. «Das alles konnte ich am Anfang gar nicht einordnen.»

«Was auch immer passiert ist, mein neues Herz hat bis jetzt alles mitgemacht.»


So entwickelte sich ihr Leben ein weiteres Mal ganz anders, als sie erwartete. An viele neue Umstände hat sie sich erst gewöhnen müssen. Dass sie nun das Herz eines jüngeren Mannes in sich trägt. Dass sie 20 Tabletten am Tag schlucken muss, weil dieses Herz sonst von ihrem Körper abgestossen wird. Dass sie aufgrund des unterdrückten Immunsystems anfällig ist für Infektionen. Und dass ihr vor ein paar Jahren auch noch ein Tumor aus der Bauchspeicheldrüse entfernt wurde, der sie auf 45 Kilo abmagern liess. Dennoch ist ihr die Freude am Leben geblieben. «Dank der Herzmedizin und meinem persönlichen Umfeld kann ich heute weiterhin so leben, wie es mir gefällt», sagt Dorothee Baumann. Sie ist selbstständig geblieben und kann fast alles noch wie gewohnt erledigen. «Das Schönste ist», sagt sie mit ihrer kräftigen, selbstbewussten Stimme, «was auch immer passiert ist, mein neues Herz hat bis jetzt alles mitgemacht.» 

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