Künstliche Befruchtung: Risiken für das Kind minimieren
Dr. Alexandra Kohl Schwartz erforscht, ob die künstliche Befruchtung Einfluss auf spätere Herz-Kreislauf-Risiken des Kindes hat.
Kinder, die mit künstlicher Befruchtung gezeugt werden, haben ein erhöhtes Risiko für eine frühzeitige Herz-Kreislauf-Krankheit. Dies zeigt eine in den letzten Jahren durchgeführte Studie des Universitätsspitals Bern. Welche Rolle dabei die Hormonbehandlung spielt, untersuchen Forschende aus dem Bereich Reproduktionsmedizin und Kardiologie in einem durch die Schweizerische Herzstiftung geförderten Projekt.
Dr. Kohl Schwartz, was ist die Aufgabe Ihrer Abteilung für Reproduktionsmedizin?
Dr. Alexandra Kohl Schwartz: Unsere Abteilung bietet alle in der Schweiz erlaubten Verfahren der Reproduktionsmedizin an. Wir sehen die Paare für ein Erstgespräch, bei dem es darum geht, was sie sich wünschen und was sie brauchen. Das ist sehr individuell, es gibt nicht richtig oder falsch. Wir führen dann Schritt für Schritt die Abklärungen und die Behandlungen, die notwendig sind, durch.
Sehen Sie die Frauen nach der Behandlung wieder, wenn sie schwanger sind?
Nach der Behandlung übernimmt normalerweise die niedergelassene Gynäkologin, der niedergelassene Gynäkologe wieder die Betreuung. Komplexe Situationen werden am Universitätsspital in Bern weiterbetreut. Meist erfahren wir dann mit dem Geburtsbericht, wie die Schwangerschaft ausgegangen ist. Häufig sehen wir die Paare aber wieder für ein zweites Kind, was Gelegenheit gibt, auch über die erste Schwangerschaft zu reden.
Was für Herz-Kreislauf-Probleme können auftreten?
Die künstliche Befruchtung, auch in vitro Fertilisation oder kurz IVF genannt, gibt es noch nicht lange, die ältesten so gezeugten Kinder sind heute etwa 40 Jahre alt. Wir wissen deshalb noch nichts über mögliche Konsequenzen im Alter. Man hat in den letzten Jahren aber bemerkt, dass mit künstlicher Befruchtung gezeugte Kinder bei der Geburt durchschnittlich leichter sind als natürlich gezeugte. In der Schweiz haben Herzmediziner deshalb schon früh genauer hingeschaut. Es hat sich gezeigt, dass der Blutdruck bei IVF-Kindern leicht erhöht ist. Wir Reproduktionsmediziner haben darauf hingewiesen, dass die Art der Behandlung eine Rolle spielen könnte, also die verschiedenen Manipulationen der Eizelle, der Befruchtungsvorgang und die Lagerung der befruchteten Eizelle. Aber auch der Gesundheitszustand der Eltern hat einen grossen Einfluss. Kinder, die mit IVF zur Welt kommen, haben tendenziell ältere und «kränkere» Eltern.
Wie viele der Kinder sind betroffen?
Man muss jeden Faktor einzeln betrachten. Von einem zu leichten Geburtsgewicht sind in der Normalpopulation zum Beispiel etwa fünf Prozent betroffen, bei der IVF sind es rund zehn Prozent. Es gibt die Hypothese, dass ein Kind mit niedrigem Geburtsgewicht metabolische Störungen entwickeln kann, zum Beispiel Diabetes. Das Gewicht des Kindes ist also ein wichtiger Marker für die spätere Gesundheit.
Was sind die Mechanismen, die zu einem erhöhten Risiko bei IVF-Kindern führen?
Man weiss heute, dass viele Faktoren einen Einfluss auf die Epigenetik haben, also darauf, ob ein Gen an- oder ausgeschaltet wird. Man nimmt an, dass die Vorgänge, welche dies steuern, bei Kindern aus künstlichen Befruchtungen anders ablaufen.
Welche Fragen wollen Sie mit dem aktuell laufenden Projekt beantworten?
Die IVF betrifft zurzeit etwa drei Prozent der Kinder, die in der Schweiz zur Welt kommen. Die Tendenz ist aber steigend, auch wegen des zunehmenden Alters der Mütter. Wir werden deshalb wohl bald bei fünf bis sechs Prozent sein. Deshalb ist es jetzt wichtig zu klären, welche Faktoren welche Folgen haben. Hier in Bern vergleichen wir die langfristigen Auswirkungen der IVF mit und ohne Hormonstimulation. Die Studie wird von Reproduktionsmedizinerinnen und PD Dr. Emrush Rexhaj, dem Herzspezialisten, durchgeführt. Ich bin der Schweizerischen Herzstiftung sehr dankbar, dass sie diesen interdisziplinären Ansatz ermöglicht.
Wann ist eine hormonelle Behandlung denn angebracht?
Grundsätzlich kann eine Hormonbehandlung auch bei einer Frau mit einem regelmässigen Zyklus gemacht werden, sie ist in diesem Fall aber nicht zwingend. In Bern führen wir dann zwei Drittel der Behandlungen als IVF-Naturelle, einer von Prof. Dr. Michael von Wolff entwickelten, schonenden IVF-Methode durch. Bei Frauen ohne regelmässigen Zyklus braucht es zumindest ein wenig Hormone, damit eine IVF überhaupt gemacht werden kann. Dabei ist es wichtig, dass man nicht zu hoch mit der Dosierung geht und nur einen, in ausgewählten Situationen maximal zwei Embryonen einsetzt. Das kann sonst zu Risikoschwangerschaften führen, zum Beispiel einer Mehrlingsschwangerschaft. Es ist mir deshalb ein Anliegen, dass Paare in der Schweiz und nicht im Ausland behandelt werden, weil wir hier für diese Themen sensibilisiert sind und entsprechend beraten. Wir informieren die Frauen konkret über die möglichen gesundheitlichen Konsequenzen für das Kind. Im Ausland wird das oft nicht gemacht, wirtschaftliche Überlegungen stehen im Vordergrund.
Gibt es bereits Hinweise, dass die Hormonbehandlung einen Einfluss auf die Gesundheit hat?
Dazu muss man erst mal sagen, dass die Behandlung seit den ersten Studien verbessert wurde. Wir machen unsere Studie deshalb mit Kindern, die wir von 2010 bis 2017 eingeschlossen haben. Von diesen wissen wir, dass sie mit den neusten, schonenderen Behandlungen gezeugt wurden. Beim Geburtsgewicht sehen wir, dass es vor allem bei den hoch stimulierten Fällen häufiger Kinder mit einem zu tiefen Gewicht gibt. Diejenigen, die bei natürlichem Zyklus ohne Hormone befruchtet wurden, sind den natürlich gezeugten ähnlicher. Auch bei diesen ist das Gewicht zwar etwas geringer, aber nicht viel. Wir beobachten zudem das Stillverhalten, denn die Ernährung der Kinder hat natürlich auch einen Einfluss auf den Wachstumsverlauf. Hinzu kommen kardiologische Faktoren wie Blutdruck und die Entwicklung des Herzens. Dazu lassen sich aber noch keine Aussagen machen.
Was für Konsequenzen könnten diese Erkenntnisse haben?
Zurzeit herrscht gerade im Ausland der Trend, dass man alles Mögliche macht, ohne die langfristigen Auswirkungen im Auge zu behalten. Falls sich bestätigen sollte, dass bei Kindern ohne Hormonstimulation diese Risikofaktoren seltener auftreten, würde das für eine weniger aggressive Behandlung sprechen.
Wie gehen Eltern damit um, dass ihr Kind wegen der IVF gesundheitlich benachteiligt sein könnte?
Wenn sich die Eltern für IVF entscheiden, ist der Fokus auf der Schwangerschaft. Die Eltern sehen das kleine Baby in ihrer Vorstellung. Das spätere Kind ist da noch nicht präsent. Die Aufgabe von uns Reproduktionsmedizinern ist es in diesem Stadium darauf hinzuweisen, dass die IVF langfristige Konsequenzen haben kann. Wichtig ist aber auch, dass betroffene Kinder und ihre Eltern nicht Angst haben müssen. Hauptsache, die Kinder bewegen sich genug, ernähren sich gesund und ihr Gewicht bleibt im Normalbereich. Das gilt für alle Kinder, sollte hier aber besonders berücksichtigt werden.
Was raten Sie Paaren, die eine künstliche Befruchtung planen?
Ich höre immer wieder von Behandlungen, bei denen den Paaren gesagt wurde, sie müssten dies und jenes so und so machen. Unter Umständen sind das aber Verfahren, die zu höheren Risiken führen. Ich rate Paaren deshalb, sich unbedingt alles genau erklären zu lassen, bevor sie sich für eine bestimmte Behandlung entscheiden.
Wie geht es weiter?
In Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne und der Kardiologie in Bern planen wir ein multizentrisches Projekt, dass die verschiedenen möglichen Einflussfaktoren schon bei Neugeborenen untersucht. Wir erhoffen uns so, möglichst früh die Herzgesundheit der Kinder beurteilen zu können.