«Ich dachte lange, ich bin einfach unsportlich»
Svenja Fliri hat ein angeschlagenes Herz. Es ist auf einmal so schwach geworden, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist. Trotz vielen schwierigen Momenten bleibt sie optimistisch. Sie hofft, dass die Herzmedizin ihr dereinst den einen grossen Wunsch erfüllt.
Sie hat noch ein ganzes Leben vor sich und plötzlich mag ihr Herz nicht mehr. Svenja Fliri ist 22 Jahre alt. Vor etwas mehr als einem Jahr sass sie einer Kardiologin gegenüber, die völlig unerwartet das Wort Herztransplantation aussprach. Gleich nach der erschütternden Diagnose erlebte die Coiffeuse eine weitere dramatische Woche. Wie packt man das junge Leben nach den vielen Schicksalsschlägen wieder an? Für Svenja Fliri ist eines klar: Aufgeben kommt nicht infrage.
Es begann mit Atemnot. «Ich dachte lange, dass ich einfach sehr unsportlich bin», erzählt Svenja. Bis sie sich sagte, dass da etwas nicht stimmen könne. «Man hat mich am Anfang nicht sehr ernst genommen, weil ich jung bin», fährt sie fort. Sie erhielt ein Asthmaspray, aber das nützte nichts. Svenja Fliri blieb hartnäckig und wollte, dass man sie weiter untersucht. Eine Computertomografie der Lunge ergab nichts Auffälliges – doch zum Glück warf noch jemand einen Blick aufs Herz. Dieses war stark vergrössert. Dann folgte der grosse kardiologische Untersuch im Spital mit dem vernichtenden Resultat, dass ihr Herz nur noch 15 Prozent Auswurfleistung hat. Selbst die Fachleute waren vom Ergebnis des Herzultraschalls überrascht. Schwere, bleibende Herzinsuffizienz lautete das Verdikt, Herztransplantation nicht ausgeschlossen. Im Herzmuskel fand man starke Vernarbungen. Was diese ausgelöst hatte, konnte ihr niemand sagen. Es gibt Vermutungen, mehr nicht. Entweder war es ein unbemerkter, stummer Herzinfarkt oder eine schwere Entzündung des Herzmuskels. Svenja brach in Tränen aus.
Wie geht es weiter? Welche Lebenserwartung hat sie? Wird sie arbeiten können? Wie steht es um ihren Kinderwunsch? Svenja Fliri gehen diese Fragen noch immer nicht aus dem Kopf. Ihren Coiffeur-Beruf kann sie nicht mehr ausüben, das stundenlange Stehen schafft sie nicht mehr. Momentan macht sie eine Umschulung im Bürobereich und arbeitet in einem Churer Betrieb, der Menschen mit einer IV eine berufliche Zukunft bietet. In Ruhe, ohne Stress.
Wenige Tage nach der erschütternden Diagnose spürte sie extreme Schmerzen im Unterleib. Ihr Vater brachte sie in den Notfall des Kantonsspitals, wo man einen Niereninfarkt feststellte. Ein Blutgerinnsel aus dem Herzen verstopfte eine Nierenarterie. Nur kurz nach dem rettenden Eingriff löste dann ein weiteres Gerinnsel einen Hirnschlag aus. «Ich hatte das Gefühl, mein Bett schwankt wie ein Schiff im Sturm», sagt Svenja. Die Angst war riesig. Sie dachte, dass sie aus dem Bett falle, und klammerte sich daran fest. Svenja Fliri wurde nach Zürich ins Universitätsspital geflogen.
«Mein Vater gestand mir, dass er grosse Angst hatte, als er die vielen Ärztinnen und Ärzte sah.»
Ihr Vater sass im Rettungshelikopter der Rega. Nachdem der Helikopter auf dem Dach des Universitätsspitals gelandet war, wurde Svenja direkt ins Stroke Center gebracht. Ihr Vater durfte nicht durch die Türe in die Notfallabteilung. «Er gestand mir später, dass er grosse Angst hatte, als er sah, wie viele Ärztinnen und Ärzte dort bereitstanden», erzählt Svenja. Glücklicherweise hinterliess der Hirnschlag keine bleibenden Schäden. Die ganze Familie konnte für einmal aufatmen.
Svenja Fliri lebt heute mit einem implantierten Defibrillator, einem ICD, der sie und ihr Herz schützt. Im Notfall gibt er einen Elektroschock ab. Sie schluckt mehrmals täglich eine Handvoll Tabletten. Solange ihr Herz stabil bleibt, will man von einer Herztransplantation absehen. Ihr Leben ist komplett auf den Kopf gestellt worden, jeder Tag wird zur Herausforderung. Und trotzdem: Ein eigenes Kind bleibt ein grosser Lebenswunsch. «Schon in meiner früheren Beziehung war dies ein wichtiges Thema», sagt Svenja. Auf dem normalen Weg könne sie das nicht bekommen, erklärten ihr die Ärzt*innen. Sie müsste während der Schwangerschaft auf die Medikamente verzichten. Dies würden weder sie noch das Kind überleben. Svenja bleibt trotzdem optimistisch. «Ich bin noch sehr jung», sagt sie, «und wer weiss, wie sich die Herzmedizin in den nächsten Jahren entwickelt.» Für sie ist es noch zu früh, diesen Herzenswunsch aufzugeben.
Was ist eine Herzinsuffizienz?
Eine Herzinsuffizienz wird auch als Herzschwäche oder Herzmuskelschwäche bezeichnet. Dies bedeutet, dass die Leistungsfähigkeit des Herzens abnimmt. Entweder, weil ein geschädigter Herzmuskel zu schwach pumpt und nicht genügend Blut durch den Körper befördert oder weil sich die Herzkammer nicht mehr normal ausdehnen und mit ausreichend Blut füllen kann. Verschiedene Herzerkrankungen können dazu führen. Häufig ist ein vorangegangener Herzinfarkt die Ursache. Eine chronische Herzinsuffizienz ist eine schwere Herzkrankheit. Sie kann mit Medikamenten und einem Herzschrittmacher stabilisiert werden. In einem späten Stadium, wenn keine Therapie mehr anspricht, ist meist ein Kunstherz oder eine Herztransplantation nötig.