Harte Schule im fremden Katheterlabor
Alessia Callegari macht am grössten Kinderkrankenhaus Frankreichs eine Herzkatheter-Ausbildung. Für die junge Kinderkardiologin eröffnet sich im Pariser Spital eine neue, faszinierende Welt. Viel Erlerntes kann sie zurück in die Schweiz bringen.
Das Treffen zum Interview verschiebt sich um eine Stunde. Alessia Callegari entschuldigt sich, der Eingriff sei dringend gewesen. Vor einer Viertelstunde stand sie noch mit ihrer schweren Röntgenschürze im Herzkatheterlabor. Ein drei Monate alter Junge aus der Elfenbeinküste hat aufgrund eines komplexen Herzfehlers einen dringlichen Eingriff benötigt. In Europa hätte man diesen Herzfehler in der ersten Lebenswoche operiert. Der Eingriff von Alessia Callegari ist nun der erste Schritt, um den Zustand des kleinen Jungen vor der grossen Operation zu stabilisieren. «Man sieht hier Fälle, die wir in der Schweiz kaum sehen würden», fügt sie hinzu, «das macht meine Arbeit unglaublich interessant.»
Riesiges Spital, viele Fälle
Fürs Gespräch gehen wir in den gepflegten Garten des Kinderspitals Hôpital Necker-Enfants malades in Paris. Im Spital selbst ist es schwierig, einen geeigneten Platz zu finden. Eine neue Erfahrung, mit der die 34-jährige Alessia Callegari klarkommen musste. «Wir behandeln hier deutlich mehr Patientinnen und Patienten mit weniger Ressourcen als in der Schweiz», sagt sie. Nach ihrer Ausbildung als Kinderkardiologin am Kinderspital Zürich ist sie im Herbst 2023 nach Paris gezogen. Hier macht sie eine einjährige Ausbildung im Herzkatheterlabor, welche der W. und L. Rutishauser Fonds der Schweizerischen Herzstiftung grösstenteils bezahlt. Der Grund dafür ist einfach erklärt: Interventionelle Eingriffe mittels Herzkatheter bei Kindern sind eine herausfordernde, teils schwierige Aufgabe. Man lernt sie am besten an einem Ort, wo sehr viele Fälle behandelt werden. Das Pariser Kinderspital ist dafür bestens geeignet. Es zählt nicht nur zu den grössten in Europa, sondern hat auch ein enormes Einzugsgebiet, die französischen Überseegebiete eingeschlossen. Das Ziel ist, dass Alessia Callegari mit einem grossen Erfahrungsschatz, vielen erlernten Fertigkeiten und einem Sack voller neuen Ideen zurück in die Schweiz kehren wird.
«Man sieht hier Fälle, die wir in der Schweiz kaum sehen.»
Fordernde erste Wochen
Die Motivation war gross, der Start aber hart. Schon die Vorbereitungen dauerten über ein Jahr und liessen sie manchmal fast verzweifeln. Die französische Ärztekammer verlangte 34 Dokumente, die Alessia Callegari teils aus ihrer Heimat Italien und den verschiedenen Kantonen der Schweiz, wo sie gearbeitet hatte, zusammentragen und auf Französisch übersetzen musste. Bevor sie als Ärztin arbeiten konnte, musste sie in Frankreich schliesslich eine Prüfung über die Administration des französischen Gesundheitswesens ablegen. «Irgendwann befürchtete ich, dass es zeitlich alles nicht mehr klappt und ich nicht rechtzeitig beginnen kann. Die bürokratischen Wege waren aufwendig und teils langwierig», erzählt sie. In den ersten Wochen und Monaten im Herzkatheterlabor biss sie sich ihre Zähne an der Sprache und den Fachausdrücken aus. «Alle medizinischen Begriffe haben hier Abkürzungen, die sich von den sonst üblichen englischen unterscheiden. Ich verstand zunächst einmal gar nichts», sagt sie. Wenn sie abends in ihrer kleinen Dachwohnung ankam, wollte sie nur noch eines, schlafen.
Mehr Eingriffe als in der Schweiz
Alessia Callegari beginnt um acht Uhr morgens direkt im Herzkatheterlabor. Dort bleibt sie dann den ganzen Tag und verlässt das Spital oft erst zwölf Stunden später. Eine richtige Mittagspause macht hier niemand. Pro Tag bestreitet sie mit ihrem Team in der Regel fünf Eingriffe, in der Schweiz wären es zwei bis drei. «Ich war sehr erstaunt, dass wir mit diesem Personal so viele Eingriffe vornehmen können. Vor meiner Ausbildung hier hätte ich dies für unmöglich gehalten», sagt sie. Ein weiterer Vergleich: Pro Woche werden im Operationssaal am Kinderspital Zürich vier bis sechs Kinder operiert, am Hôpital Necker hingegen sind es bis zwanzig. Einerseits, so erklärt sie, habe man durch die vielen Fälle mehr Erfahrung, die Entscheidungen würden schneller gefällt. Andererseits herrsche hier auch eine andere Arbeitsweise als in der Schweiz, die eher darauf abziele, das akute Problem zu lösen. Das hat Vor- und Nachteile. Für die Ärztinnen und Ärzte ist die Arbeit in Paris interessant und sehr vielseitig. Patientinnen und Patienten in Zürich hingegen werden intensiver und enger begleitet.
«Die Ausbildung hilft mir, einen eigenen Blickwinkel zu entwickeln.»
Können und Selbstvertrauen
Was wird Alessia Callegari nach einem Jahr von Paris in die Schweiz mitnehmen? Sie hat eine Vielzahl Kathetereingriffe gesehen und teils selbst durchgeführt. Zudem hat sie gelernt, dass man Eingriffe auch anders ausführen kann, zum Beispiel mit anderem Material, als sie es sich gewohnt war. «Meine Ausbildung hilft mir, einen eigenen Blickwinkel und Standpunkt zu entwickeln, eine andere Lösung für ein Problem zu finden, was in der Behandlung im Herzkatheterlabor sehr wichtig ist», sagt sie. Ganz wichtig: Sie hat Selbstvertrauen gewonnen. «Im Katheterlabor braucht man auch Selbstbewusstsein», erklärt sie, «man muss dort Entscheidungen fällen und sie dann mit einer Überzeugung und Sicherheit durchführen.» Man stelle sich vor, man hat ein 600 Gramm schweres Frühgeborenes vor sich, dem man mit einem Katheter eine kleine Gefässverbindung verschliesst. «Natürlich habe auch ich in einer solchen Situation zunächst Angst», fährt sie fort, «meine Arbeit verlangt viel Respekt vor dem, was ich tue.» Aber ohne das Vertrauen in die eigene Fertigkeit könnte sie in einer solchen Situation nicht handeln. Frauen sind im Herzkatheterlabor traditionellerweise immer noch deutlich unterrepräsentiert. Daher kommt es ihr zugute, dass sie in Paris von einer Chefin ausgebildet wird. «Frauen brauchen Frauen als Vorbilder, und ein solches möchte ich künftig auch für angehende Kardiologinnen in der Schweiz sein.»