«Eine unbemerkte PAVK ist eine tickende Zeitbombe»
Man nimmt sie anfänglich kaum wahr. Dennoch ist die PAVK eine Krankheit, die, wenn man sie nicht ernst nimmt, viel Unheil anrichten kann. Wie man eine Durchblutungsstörung im Bein bemerkt und behandelt, erklärt der Angiologe Daniel Staub.
Was ist eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)?
Prof. Daniel Staub: Von einer PAVK spricht man, wenn es zu einer messbaren, relevanten Durchblutungsstörung der meist unteren Extremitäten, also der Beine, kommt. Der Grund dafür ist eine Einengung oder der Verschluss einer grösseren zuführenden Arterie. Seltener ist das auch an den Armen möglich. Doch führt dies klinisch zu weniger Problemen.
Man nennt diese Krankheit auch eine stille Gefahr. Weshalb?
Die Durchblutung verschlechtert sich in der Regel sehr langsam. Daher merkt man lange nichts. Das Wahrnehmen von Symptomen hängt auch davon ab, wie stark man sich belastet. Wer sich kaum oder gar nicht körperlich betätigt, spürt erst dann etwas, wenn die Krankheit schon stark fortgeschritten ist.
Was ist gefährlich daran?
Die PAVK ist die Folge einer Arteriosklerose, sie ist also eine systemische Erkrankung. Oft sind nicht nur die Gefässe im Bein betroffen, sondern auch die Gefässe anderer Organe. Das können verengte Herzkranzgefässe sein, was im schlimmsten Fall zu einem Herzinfarkt führt. Sind die Gefässe zum oder im Gehirn betroffen, besteht das Risiko eines Hirnschlags. Eine lange unbemerkte PAVK ist deshalb immer auch eine tickende Zeitbombe.
Trotzdem spricht man nicht so oft über die PAVK und kennt die Krankheit kaum.
Eine Durchblutungsstörung in den Beinen nimmt man offensichtlich nicht als ein grosses Gesundheitsrisiko wahr. Beinprobleme sind keine unmittelbare Bedrohung wie ein Herzinfarkt.
Wie bemerkt man eine PAVK?
Die Beinmuskulatur erhält unter Belastung zu wenig Sauerstoff. Nach einer gewissen Gehstrecke beginnen Oberschenkel oder Waden zu schmerzen, man spürt eine Art Muskelkater. Bei starker Belastung, also beim Treppensteigen oder wenn man schnell läuft, kommen die Schmerzen früher und sind ausgeprägter. Sie verschwinden, wenn man ein paar Minuten stehen bleibt. Da die Schmerzen immer wieder verschwinden, finden sich viele vorerst damit ab.
Was passiert, wenn sich die Krankheit verschlechtert?
Mit der Zeit wird die Gehstrecke bis zum Auftreten der Schmerzen immer kürzer, was zunehmend einschränkt. Die Schmerzen können bei sehr stark eingeschränkter Durchblutungsstörung irgendwann auch in Ruhe auftreten, insbesondere liegend in der Nacht, wenn der Druck in den Gefässen durch die liegende Position zusätzlich tief ist. Die Zehen oder die Füsse tun weh und man muss aufstehen oder das Bein aus dem Bett hängen lassen. Bei einer stark fortgeschrittenen PAVK verheilen auch Wunden nicht mehr und das Gewebe, zum Beispiel eine Zehe, stirbt ab. Es droht die Amputation der Zehe oder im schlimmsten Fall des Beins.
«Von einer PAVK betroffen sind Menschen mit den klassischen Herz-Kreislauf-Risiken, ganz besonders Raucherinnen und Raucher», sagt Professor Daniel Staub, Chefarzt der Angiologie am Universitätsspital Basel.
Wer ist davon betroffen?
Das sind Menschen mit den klassischen Herz-Kreislauf-Risiken. Besonders stark betroffen sind solche mit einem Diabetes sowie Raucherinnen und Raucher. Das Rauchen ist der bedeutendste Risikofaktor. Daher sprach man früher auch vom Raucherbein.
Muskelbeschwerden können ja auch andere Ursachen haben. Wie unterscheidet man dies von einer PAVK?
Wenn wir eine Durchblutungsstörung vermuten, führen wir eine Durchblutungsmessung durch. Wir messen den Blutdruck am Oberarm und an den Beinen am Knöchel. Sollten die Arterien irgendwo zwischen Bauch und Füssen verstopft sein, sinkt der Druck am Knöchel ab. Mit dieser Methode können wir rasch und sicher eine PAVK diagnostizieren oder ausschliessen.
Wann braucht es eine Behandlung?
Das hängt sehr stark von den Beschwerden ab. Wichtig für alle Betroffenen ist, dass ihre Herz-Kreislauf-Risiken gut behandelt werden. Dies bedeutet eine optimale medikamentöse Therapie, damit die Ziele für Blutdruck, Cholesterin und Blutzucker erreicht werden. Wir verschreiben meist auch noch eine leichte Blutverdünnung in Form eines Plättchenhemmers wie zum Beispiel Aspirin. Lebensstiländerungen gehören selbstverständlich auch dazu, also eine herzgesunde Ernährung, viel Bewegung und natürlich der Rauchstopp.
Bewegung fällt bei einer PAVK schwer. Dennoch ist sie Teil der Therapie.
Genau. Wir sprechen von einem Gehtraining. Patientinnen und Patienten sollten mindestens dreimal pro Woche mindestens 30 Minuten gehen. Man geht, bis der Schmerz eintritt, macht dann eine Pause und geht wieder weiter. Trainiert man über mehrere Monate, lässt sich die schmerzfreie Gehstrecke deutlich verlängern. Das verbessert nicht nur die Symptome, sondern auch die Herz-Kreislauf-Gesundheit und macht fitter. Allerdings braucht es dazu sehr viel Wille und Engagement von Seiten der Patientinnen und Patienten.
Was passiert beim Gehtraining?
Die Idee ist, dass die Belastung zur erniedrigten Durchblutung der Muskeln und daher zu einem leichten Schmerz führt. Die fehlende Blutversorgung treibt den Körper an, neue Gefässe zu bilden. Wir nennen solche Blutgefässe Kollateralen. Sie umgehen die Engstelle und Verschlüsse und verbessern die Durchblutung.
Wann sind Eingriffe nötig?
Wenn das Gehtraining keine genügende Verbesserung bringt, können wir die Engstellen im Bein, die zur Durchblutungsstörung führen, beheben. Wir führen einen Katheter ins Gefäss ein und dehnen die Engstellen mit einem Ballon auf, ähnlich wie man das in den Herzkranzgefässen macht. In gewissen Situationen benötigt es zusätzlich noch einen Stent. Der Eingriff ist oft mit einem kurzen Spitalaufenthalt verbunden, gewisse Eingriffe sind auch ambulant möglich. Schliesslich gibt es auch aufwendigere Gefässoperationen, wie zum Beispiel eine Bypass-Operation. Die Gefässoperationen können allerdings sehr belastend sein. Man führt sie vor allem im fortgeschrittenen Stadium einer PAVK durch, um eine Beinamputation zu vermeiden.