Ein kleiner Riss mit schweren Folgen
Eine lebensgefährliche Aortendissektion traf Johann Zaugg. Das heisst, die innere Schicht seiner Hauptschlagader spaltete sich plötzlich auf. Dass er dies so gut überlebt hat, verdankt er der erstklassigen Notfallmedizin und wohl auch seiner körperlichen und geistigen Robustheit.
Quelle: Ralph Hut
Sie hätten ab und zu über den Tod gesprochen, er und seine Ehefrau Monika, erzählt Johann Zaugg. Er flog mit seinen 67 Jahren immer noch leidenschaftlich Gleitschirm und es war allen klar, dass bei einem solchen Hobby auch ein Unglück passieren kann. Für Monika Zaugg rückte der Tag der Pensionierung näher und es drängten sich ihnen ein paar Fragen auf: Wie will man das weitere Leben miteinander verbringen? Was wünscht man sich im Fall der Fälle und was lieber nicht? Dass aber einer von beiden dem Tod schon bald so nahe stehen würde, damit hätten sie nie gerechnet.
Statt ein Bier in den Notfall
Denn Johann Zaugg war gesund und immer sportlich unterwegs. An jenem Tag im vergangenen Herbst mit seinem E-Bike. Als er von seiner Tour zu Hause ankam, verspürte er einen Schmerz zwischen den Schulterblättern im Rücken. «Ich bin sonst kein wehleidiger Typ», sagt er, «ich gehe erst zum Arzt, wenn ich den Kopf unter dem Arm trage.» Aber in dem Moment wusste er, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er rief seinen Freund an und sagte, er solle doch kein Bier parat machen, sondern sein Auto und ihn ins Spital Langenthal auf den Notfall bringen.
«Ich dachte, ich habe richtig reagiert. Alles weitere liegt jetzt nicht mehr in meiner Macht.»
Nach den ersten Untersuchungen erklärten ihm die Ärzt*innen, dass es lebensbedrohlich sei. Er dürfe jetzt nicht einschlafen, sie würden einen Helikopter bestellen. Johann Zaugg blieb ruhig. «Ich dachte, ich habe richtig reagiert», erzählt er, «alles weitere liegt jetzt nicht mehr in meiner Macht.» Bevor der Helikopter kam, rief er noch seine Frau Monika an. Er erklärte ihr am Telefon, dass die Aorta eingerissen sei und einblute und er jetzt in das Inselspital nach Bern geflogen werde. Sie antwortete kurz und knapp, sie habe ihn gern und denke fest an ihn. Dann legte sie auf. Mit dem Piloten und dem Notarzt machte er noch ein paar Scherze. Was danach passierte, verblasste in seinen Erinnerungen.
Grosse Gefässoperation
Johann Zaugg wurde noch in der Nacht operiert. Die Operation dauerte fast 9 Stunden. Man implantierte ihm eine neue Aortenklappe. Die Aorta, die das Herz verlässt und den ganzen Körper mit sauerstoffreichem Blut versorgt, wurde im oberen Bogen durch eine Prothese ersetzt. In den weiter unter liegenden Teil legte man innerhalb der Aorta einen Stent-Graft ein. Das ist eine stabilisierende Gefässprothese. Ohne diesen aufwendigen Eingriff wäre Johann Zaugg mit allergrösster Wahrscheinlichkeit gestorben.
Die lange Operation überstand Johann Zaugg gut. Seine Frau Monika hatte an diesem Tag Geburtstag – künftig würden sie zwei Geburtstage feiern, erzählt er, denn er habe dann sein zweites Leben geschenkt bekommen. Das grosse Glück allerdings, das er hatte, trübte ein Hirnschlag drei Tage nach der Operation. Weil auch seine Halsschlagader von einem Einriss betroffen war, wurde der Blutfluss ins Gehirn blockiert. Von der Kardiologie musste er kurzerhand in die Neurologie ins Stroke Center verlegt werden.
Überzeugt, dass dies gut kommt
Heute, ein halbes Jahr später, erzählt Johann Zaugg seine Geschichte am Küchentisch zu Hause in Madiswil. Folgeschäden vom Hirnschlag hat er keine. Wenn man ihm zuhört, glaubt man kaum, dass er dem Tod nur knapp entronnen ist, dass er eine so grosse Operation und einen Hirnschlag hinter sich gebracht hat. Noch bei Ankunft in der Rehabilitationsklinik musste er mit dem Rollstuhl vom Auto ins Zimmer geschoben werden. So wenig Kraft besass er. Und nun dreht er wieder die ersten Runden mit seinem Velo. «Ich war immer davon überzeugt, dass dies wieder gut kommt», sagt er. Seine Frau Monika und die Tochter Sandra waren stets eine wertvolle Stütze. Dass er auf seine Gesundheit achtete und sich körperlich fit hielt, half ihm wohl auch. Und im Notfall handelte er, ohne zu zögern, und rettete sich so quasi selbst das Leben. Ob er in seinem geschenkten Leben die Welt mit seinem Gleitschirm nochmals von oben sehen wird, steht jedoch auf einem anderen Blatt geschrieben. Sein Neurologe meinte, dass ihm der Adrenalinschub beim Fliegen nicht guttue. Dieser jage den Blutdruck in die Höhe, was seine Gefässe nicht vertragen würden. Aber wer weiss, sagt Johann Zaugg. Diese Hoffnung hat er noch nicht aufgegeben.
Was ist eine Aortendissektion?
Die Aorta ist das grösste Gefäss des Körpers. Man nennt sie auch Hauptschlagader. Beim erwachsenen Menschen hat sie einen Durchmesser von 2,5 bis 3,5 und eine Länge von 30 bis 40 Zentimetern. Sie entspringt direkt aus der linken Herzkammer und versorgt den gesamten Körper mit sauerstoffreichem Blut.
Die Aorta besteht aus drei Wandschichten. Bei einer Dissektion reisst die innere Schicht ein. Dadurch füllt sich der Raum zwischen der inneren und mittleren Schicht mit Blut. Die Wand dehnt sich auf und es werden andere, abgehende Gefässe abgeklemmt. Herz, Gehirn oder andere Organe erhalten zu wenig Blut. Ausserdem droht auch die äussere Wand einzureissen. Man spricht dann von einer Aortenruptur, die in der Regel mit dem sofortigen Tod verbunden ist.
Eine akute Aortendissektion hat meist heftige Rücken- und Brustschmerzen zur Folge. Es handelt sich um einen Notfall, bei dem sofort der Notruf 144 alarmiert werden muss. Weshalb eine Aortendissektion entsteht, ist nicht restlos geklärt. Männer erkranken dreimal häufiger daran als Frauen.