«Die OP hat mein Leben gerettet»
Herzprobleme stürzten Sabrina Schwerzmann in eine tiefe Verzweiflung. Waren die Rhythmusstörungen tatsächlich nur ihren Ängsten zuzuschreiben? Bis zur richtigen Diagnose dauerte es lange. Diese schenkte ihr aber ein neues Leben.
Quelle: Ralph Hut
Sie hat nicht mehr daran geglaubt, dass ihr jemand helfen könne. Die Untersuche, die Sabrina Schwerzmann hinter sich hatte, liessen sie ratlos zurück. Bis auf den einen. Die Kardiologin sagte nach der Diagnose, sie könne gleich am Nachmittag die Operation mit dem Herzchirurgen besprechen. Da brach sie fast zusammen. Sie schluchzte, gemeinsam mit ihrer Mutter, die sie begleitete. Anderthalb Jahre fühlte sie sich im Stich gelassen. Fast wäre sie daran zerbrochen. Bis an diesem Tag doch noch ein Türchen aufging und ihr einen Ausweg aufzeigte. «Ich fühlte mich endlich ernst genommen», erzählt sie.
Das war nicht immer so. Vor 15 Jahren, Sabrina Schwerzmann war 28 Jahre alt, begann ihr Herz verrückt zu spielen. Sie kann sich noch gut daran erinnern. Als sie an einem Morgen ihre Jeans anzog, spürte sie das unangenehme Gefühl in der Brust. Bald wurde daraus ein Herzflattern. Wenn sie sich körperlich anstrengte, bekam sie kaum mehr Luft, der Puls ging hoch und runter. Sie liess sich rasch untersuchen. Man sagte ihr, dass sie ein psychisches Problem habe. Angststörung lautete die Diagnose. Sie bekam Medikamente, die sie beruhigen sollten. Doch das Herz beruhigte sich nicht. «Irgendwann dachte ich, ich hätte tatsächlich eins an der Waffel», sagt sie. Der Alltag entglitt ihr immer mehr, sie wusste nicht, wie es weitergehen soll. Abertausende Extrasystolen, also Extraschläge des Herzens, plagten sie täglich.
Sabrina Schwerzmanns Leidensweg hat eine Vorgeschichte. Als sie 12 war, starb ihr Vater unerwartet an einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Sie übernachtete bei einer Freundin. Am nächsten Morgen rief ihre Mutter an und sagte ihr, sie müsse ins Spital, dem Vater gehe es nicht gut. Als sie vom Spital zurückkam, erfuhren Sabrina und ihr jüngerer Bruder, dass er gestorben war. «So habe ich meinen Papi verloren», sagt sie. Er war mit Kollegen mit dem Rennvelo unterwegs und kippte plötzlich um. Man konnte ihn nicht wiederbeleben. Der frühe Verlust hat sie geprägt. «Natürlich bekommt man dann Angst, wenn man selbst etwas am Herzen hat», sagt sie, «aber deswegen hat man noch keine Angststörung.»
«Ich dachte, ich höre nicht richtig. Es war, wie wenn mir eine riesige Last von den Schultern fällt.»
Weitere Untersuchungen bestätigten die Rhythmusstörungen. Die Beschwerden stammten tatsächlich vom Herzen und waren nicht ein Hirngespinst. Leider könne man nicht viel dagegen machen, lautete das vorläufige Urteil. «Ich hatte das Gefühl, mein Leben sei mit 28 gelaufen», sagt sie. Ihre neue Hausärztin überwies sie nochmals zur gründlichen Abklärung. Ein kleiner Funken Hoffnung blieb. Es folgte der erlösende Termin bei der Kardiologin. Diese diagnostizierte eine schwere Mitral- und Trikuspidalklappeninsuffizienz. Einige Stunden später erklärte ihr der Herzchirurg, wie er die defekten Herzklappen rekonstruieren und die Rhythmusstörungen beseitigen werde. «Ich dachte, ich höre nicht richtig. Es war, wie wenn mir eine riesige Last von den Schultern fällt», sagt sie und bricht noch heute in Tränen aus, wenn sie davon erzählt. Vier Wochen später fand in Zürich die sechsstündige Operation am offenen Herzen statt. Zuvor wollte sie noch feiern. «Ich ging mit ein paar Kollegen so richtig in den Ausgang, man weiss ja nie, was passiert», erzählt sie.
Der Eingriff verlief gut. Die Rekonstruktion der Klappen und eine Ablation schenkten ihr ein neues Leben. «Ich war am Schluss der Rehabilitation so leistungsfähig wie nie zuvor», sagt sie. Die Operation ermöglichte, dass sie ein paar Jahre später mit ihrem Ehemann zwei gesunde Kinder zur Welt brachte. «Heute betreut mich ein super Team von Ärztinnen und Ärzten», betont sie. Dennoch, ein bitterer Nachgeschmack bleibt. «Es ist mir noch immer ein Rätsel, weshalb man die Herzklappenfehler so spät entdeckt hat», sagt sie und überlegt kurz. «Wahrscheinlich hat man eine solche Krankheit bei einer jungen Frau nicht vermutet.» Man habe ihre Beschwerden wohl zu rasch auf ihre Psyche geschoben und sie in eine Schublade gesteckt. Das Vertrauen in ihren Körper hat sie seitdem verloren. Damit kämpft sie noch heute.
Die Rhythmusstörungen tauchen zeitweise wieder auf. Auch die Mitralklappe ist nicht mehr ganz dicht. Ihre Herzgeschichte ist also noch nicht zu Ende. Sabrina Schwerzmanns Leben ist dennoch lebenswert geworden, das hätte sie vor 15 Jahren nicht sagen können. Sie lebt heute intensiver als je zuvor. «Es kommen wieder andere Zeiten. Dies muss man sich auch dann sagen, wenn man keinen Ausweg mehr sieht», erklärt sie. Nicht aufzugeben, hat sich für sie gelohnt.