«Die Herzinsuffizienz braucht eine gute Begleitung»
Ein schwach pumpendes Herz ist eine häufige chronische Erkrankung mit weitreichenden Konsequenzen. Michele Martinelli, Herzinsuffizienz-Spezialist am Inselspital Bern, erklärt, wie es dazu kommt und weshalb eine gute Begleitung den Betroffenen hilft, Spitalaufenthalte zu verhindern.
Quelle: Jen Haas
Wie zeigt sich eine Herzinsuffizienz, auch Herzschwäche genannt?
Dr. Michele Martinelli: Die meisten Symptome verweisen nicht klar auf eine Herzinsuffizienz. Das häufigste Zeichen sind ein Einbruch der körperlichen Leistung und vermehrte Atemnot. Geschwollene Beine kommen auch sehr häufig vor oder Verdauungsstörungen. Aber auch dies alles ist noch sehr unspezifisch. Es dauert manchmal lange, bis Betroffene eine Diagnose erhalten.
Was ist eine Herzinsuffizienz?
Von einer Herzinsuffizienz sprechen wir, wenn das Herz nicht mehr fähig ist, den körperlichen Anforderungen des täglichen Lebens zu genügen. Das Herzminutenvolumen ist reduziert, das Herz pumpt nicht ausreichend Blut und Sauerstoff zu den Organen. In Ruhe beträgt ein normales Volumen 4 bis 6 Liter Blut pro Minute. Bei Anstrengung, also wenn man Treppen steigt, können das rasch 10 Liter und mehr werden. Bei einer Herzinsuffizienz stösst das Herz schnell an seine Leistungsgrenze.
Was funktioniert im Herzen nicht mehr?
Es bestehen eine Herzmuskelschwäche und manchmal ein veränderter Herzrhythmus. Wir müssen uns aber immer fragen, was dazu führt. Die häufigste Ursache ist der Herzinfarkt. Es können aber auch die Herzklappen verantwortlich sein. Bei undichten oder verengten Klappen muss das Herz stärker arbeiten, wodurch der Herzmuskel mit der Zeit ermüdet. Ähnliches geschieht auch bei einem über Jahre hinweg unbehandelten Bluthochdruck. Es kann auch plötzlich zu einer Herzinsuffizienz kommen, zum Beispiel bei einer Herzmuskelentzündung oder einer genetischen Veranlagung zu einer Herzschwäche.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Ausgehend von früheren Erhebungen, gehe ich von etwa 250 000 Betroffenen in der Schweiz aus. Etwa 10 000 bis 20 000 davon haben eine schwere Herzinsuffizienz.
Nimmt Herzinsuffizienz im Alter zu?
Ja, es handelt sich um eine klare Alterskrankheit. Ab 75 Jahren steigt die Zahl der Betroffenen steil an. Da viele Menschen betroffen sind, wird dies für die Behandlung und Versorgung, aber auch für die Gesellschaft insgesamt zu einer grossen Herausforderung.
Weil die Krankheit das Gesundheitssystem belastet?
Die Herzinsuffizienz führt zu zahlreichen Spitaleinweisungen. Diese müssen wir möglichst vermeiden. Wichtig ist eine gute Begleitung der Patienten vor allem in den ersten Monaten einer Behandlung. Dadurch lässt sich für die Patienten viel erreichen. Die Stabilisierung der Herzinsuffizienz geht aber über die Phase im Spital hinaus. Denn die Patienten bleiben verletzlich, sie haben eine chronische Erkrankung. Leider gibt es in der Schweiz diesbezüglich nur wenige für Patienten etablierte Betreuungsnetze.
Wie wird eine Herzinsuffizienz behandelt?
Wir suchen nach Ursachen und behandeln diese. Zusammen mit den Patienten versuchen wir, das Herz medikamentös zu stabilisieren. Dazu setzen wir 4 Grundmedikamente ein. Wie gesagt, müssen wir die Patienten dabei gut begleiten und bezüglich ihrer Erkrankung schulen. Bei uns am Inselspital unterstützen uns dabei speziell ausgebildete Pflegefachkräfte unter ärztlicher Aufsicht. Die Herz-Rehabilitation ist für die Rückkehr in den Alltag hilfreich. Körperliches Training sowie gesunde Ernährung und Lebensweise helfen ebenfalls, die Erkrankung stabil zu halten.
Gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten?
Gegenüber früher gehen wir allfällig vorhandene Grunderkrankungen rascher und gezielter an. Wir können heute viele neue invasive Eingriffe anbieten, zum Beispiel Behandlungen von Klappenerkrankungen.
«Die eine Therapie für alle gibt es nicht.»
Das bedeutet gleichzeitig, dass die Wahl der Therapie anspruchsvoller wird.
Genau, die eine Therapie für alle gibt es nicht. Die Aufgabe des Herzinsuffizienz-Spezialisten besteht vor allem darin, herauszufinden, welchen Patienten welche Behandlung erwiesenermassen und nachhaltig nützt. Das ist schwierig, besonders wenn Patienten im Alter mehrere Organerkrankungen haben oder bereits viele Medikamente einnehmen müssen.
Wie erleben Patientinnen und Patienten ihre Herzinsuffizienz?
Bei optimal behandelten Patienten bleibt die Leistungsfähigkeit auch langfristig erstaunlich gut erhalten. Sie werden allenfalls schneller müde und unkonzentrierter und kleinere Probleme, die sie früher wegstecken konnten, werden zur Belastung. Denjenigen, die auf der Intensivstation waren, schlägt es längerfristig oft aufs Gemüt. Wir vernachlässigen die Psyche leider ein bisschen, weil wir in der Sprechstunde vor allem über das Herz sprechen. Und dann fragen wir uns, weshalb es den Patienten noch nicht gut geht, obwohl alles wieder in Ordnung ist.
Wie sind die Prognosen?
Eine schwere Herzschwäche hat eine schlechte Prognose. Dies nehmen die Betroffenen oft nicht wahr. Wir versuchen ihnen deshalb zu erklären, dass es sich um eine schwere chronische Krankheit handelt und wir bemüht sind, das Herz stabil zu halten. Wir motivieren sie, selbst positiv zu sein und mitzuwirken. Das verbessert die Aussichten deutlich.
Welche Therapien sind möglich, wenn die Herzinsuffizienz fortgeschritten ist?
Weil viele schwer erkrankte Patienten im höheren Alter sind, liegt hier der Schwerpunkt auf der Palliativmedizin, also der Bewahrung einer guten Lebensqualität und Autonomie. Mit Betroffenen bis etwa 70 Jahren ohne Begleiterkrankungen können wir über eine Herztransplantation sprechen. Alternativ zur Transplantation setzen wir auch Herzunterstützungssysteme zunehmend zur Dauerbehandlung ein.
Aber an Spenderherzen herrscht Mangel, oder?
Die Situation hat sich seit ein paar Jahren deutlich verbessert, wir transplantieren mehr Herzen als früher. Seit 2022 setzen wir ein Gerät ein, das wir Maschinenperfusion nennen. Das ist eine Box, in der das Herz ausserhalb des Körpers weiterschlägt und mit Sauerstoff versorgt wird. So können wir Herzen eine längere Zeit und auch über grössere Distanzen transportieren. Die Wartezeit auf ein neues Organ hat sich um rund ein Drittel reduziert.