Den Zellen zuhören, um einen Hirnschlag zu verhindern
Transitorische ischämische Attacken, kurz TIA, sind vorübergehende Durchblutungsstörungen im Gehirn. Sie können Vorbote eines Hirnschlags sein. Da TIAs nicht immer einfach zu diagnostizieren sind, sucht Carlo Cereda vom Neurocentro della Svizzera Italiana in Lugano nach einer neuen Methode.
Sie konzentrieren sich in Ihrer Studie auf die Diagnose einer transitorischen ischämischen Attacke, auch TIA genannt. Weshalb?
Prof. Carlo Cereda: Wie es der Begriff transitorisch bereits sagt, sind die Symptome in dem Moment, in dem ich eine Patientin oder einen Patienten mit Verdacht auf eine TIA in der Notfallstation sehe, nicht mehr da. Die TIA kann aber ein ernstes vaskuläres Problem im Gehirn ankündigen, nämlich einen Hirnschlag, ähnlich wie die Angina pectoris, die vor einem drohenden Herzinfarkt warnt.
Wie diagnostiziert man heute eine TIA?
Bei der Diagnosestellung muss ich mich auf das stützen, was der Patient mir erzählt. Ergänzend kann ich mittels MRI oder CT ein Bild vom Gehirn machen. Manchmal sehe ich darauf kleine Anzeichen einer Ischämie, also einer Durchblutungsstörung, aber oft sehe ich nichts, weil die Ischämie nicht mehr da ist. Deshalb wäre es ideal, wenn der Verdacht auf eine TIA mittels Blutprobe bestätigt werden könnte. In der Kardiologie gibt es das Troponin, das im Falle einer Angina pectoris oder eines Herzinfarkts im Blut nachweisbar ist. Für die TIA respektive den Hirnschlag gibt es bislang keinen solchen Biomarker.
Was kann bei einer TIA unternommen werden, damit es möglichst nicht zu einem Hirnschlag kommt?
Es ist zentral, dass Patienten mit TIA sofort in ein spezialisiertes Zentrum überführt werden. Dort kann man rasch eine Diagnose stellen. Wird ein hohes Risiko festgestellt, können präventive Massnahmen implementiert werden. Bei einer Verengung der Carotis zum Beispiel, muss der Patient, die Patientin hospitalisiert werden, wird ein Vorhofflimmern festgestellt, kann ein Blutverdünner verschrieben werden. Wenn ich also weiss, was die Ursache der Symptome ist, kann allenfalls ein grosser Hirnschlag verhindert werden.
Sie haben inzwischen einen möglichen Biomarker gefunden, der auf eine TIA hinweist.
Genau, aber der Weg ist noch lang. Wir haben in einer früheren Studie Patienten, die mit Verdacht auf eine TIA im Notfall eingeliefert wurden, nach dem vorher beschriebenen Verfahren untersucht. Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit einer TIA wiesen ein bestimmtes Muster von extrazellulären Vesikeln auf. Die Vesikel transferieren Informationen von einer Zelle zur anderen. Das Muster unterschied sich stark bei Patientinnen und Patienten, die eine Ischämie im Gehirn hatten, verglichen mit denjenigen, die das nicht hatten. Das war allerdings nur eine kleine Studie mit wenigen Patienten. Nun wollen wir dies in einer grösseren Studie bestätigen.
Prof. Dr. med. Carlo Cereda: Ente Ospedaliero Cantonale, Istituto di Neuroscienze Cliniche della Svizzera Italiana, Stroke Center EOC, Clinica di Neurologia, Lugano
Können Sie uns etwas genauer erklären, was extrazelluläre Vesikel sind?
Extrazelluläre Vesikel, kurz EV, sind Membranpartikel, die von einer Zelle abgesondert und von anderen Zellen wieder aufgenommen werden können. Vereinfacht gesagt handelt es sich um ein Kommunikationsmittel zwischen den Zellen. Wenn wir die EV analysieren, können wir quasi hören, was zwischen den Zellen an Informationen ausgetauscht wird. In unserem Fall, ob ein ischämisches oder ein nicht-ischämisches Ereignis passiert ist. Prozesse, die mit der Ischämie zu tun haben – zum Beispiel die Auflösung eines Gerinnsels – führen dazu, dass die Kommunikation sich ändert. Es ist, als ob die Zellen sagen, «ich habe ein Gerinnsel gesehen». Wir schauen uns dabei an, welche Typologie der Vesikel ausgeprägter ist und erstellen damit ein Profil.
Wie könnte die Anwendung der EV-Profilanalyse die Diagnose und Behandlung von TIAs im klinischen Alltag verbessern?
Früher dauerte es Monate, das Profil der EV zu machen. Heute geht das viel schneller. Theoretisch würde also eine Blutprobe für die Bestätigung einer Ischämie reichen, auch wenn kein MRI zur Verfügung steht. Oder wenn auf dem MRI die Ischämie nicht mehr festgestellt werden kann, weil das Gefäss nicht mehr verschlossen ist. Ähnlich wie das Troponin, das vor einem Herzinfarkt warnt.
Welche Herausforderungen sehen Sie, bis diese neue Diagnosetechnik in die klinische Praxis eingeführt werden kann?
Wir müssen noch besser verstehen, wie das ischämische Profil der EV aussieht. Beim Troponin-Test betrachtet man nur, wieviel dieses Moleküls da ist. Hier hingegen betrachten wir ein ganzes Raster. Das ist viel komplizierter zu interpretieren.
Die Studie wird von der Schweizerischen Herzstiftung gefördert. Welche Bedeutung hat diese Unterstützung für Ihre Forschung?
Sie ist ausgesprochen wichtig, denn hier geht es um die Gesundheit des Gehirns und wir wissen, dass Hirnschläge diesbezüglich das Nummer Eins-Problem sind. Für die Hirnschlag-Forschung gibt es aber nicht viel Unterstützung. Die Schweizerische Herzstiftung ist eine der ersten und wichtigsten Förderer auf diesem Gebiet in der Schweiz. Ohne diese Unterstützung wäre es für uns unmöglich, diese Forschung zu betreiben.