Das Herz wieder in Takt bringen
Die meisten Herzrhythmusstörungen sind nicht unmittelbar gefährlich. Dennoch können sie unangenehm und belastend sein. Die Herz-Kreislauf-Medizin bietet heute viele Möglichkeiten, ein aus dem Takt geratenes Herz zu behandeln.
Fabienne
Rochat* kennt die Attacken. Immer häufiger erleidet die 35-jährige Verkäuferin
eine Episode, in der ihr Herzrhythmus gestört ist. Das Herz beginnt wie
wahnsinnig zu klopfen, sie fühlt sich schwach und erlebt Schweissausbrüche. In
solchen Situationen muss sie die Arbeit unterbrechen und sich hinsetzen, bis
die Störungen von selbst wieder verschwinden. «Anfänglich hatte ich grosse
Angst, dass das Herz aufhört zu schlagen», erzählt die Genferin. Doch die
Untersuchung bei einer Kardiologin beruhigte sie. Seitdem sie weiss, dass
nichts zu befürchten ist, bleibt sie während der Anfälle ruhig.
Gestörte Reizleitung
Die Kardiologie unterscheidet zwischen gefährlichen und ungefährlichen
Herzrhythmusstörungen. «Die bedrohlichen gehen von der Herzkammer aus und sind
oft Folge eines Herzinfarktes», erklärt Prof. Michael Kühne, Spezialist für
Rhythmologie am Universitätsspital Basel. Glücklicherweise sind diese eher
selten. Die meisten Rhythmusstörungen sind grundsätzlich ungefährlich und
entstehen über den Herzkammern, also in den Vorhöfen oder im AV-Knoten. Dazu
einen kleinen Einblick in die Funktionsweise des Herzens: Unsere Pumpe versorgt
den Körper täglich mit 10'000 Liter Blut. Möglich ist der Pumpmechanismus nur,
wenn sich die tausenden von Herzmuskelzellen synchron anspannen und wieder
entspannen. Damit dies wie in einem Orchester reibungslos funktioniert, gibt
ein elektrischer Impuls den Takt an. Taktgeber ist der Sinusknoten, der oben im
rechten Herzvorhof liegt. Von dort aus wandern die elektrischen Impulse weiter
zum AV-Knoten, der sie in die Herzkammern weiterleitet. Bei einem gesunden
Menschen sendet der Sinusknoten 60 bis 100 regelmässige Impulse pro Minute aus.
Wie wir alle wissen, reagiert das Herz auf körperliche
Veränderungen: Laufen wir schnell oder sind wir aufgeregt, schlägt auch
das Herz schneller, sind wir entspannt, schlägt es langsamer – Schwankungen der
Herzfrequenz sind also durchaus normal.
Aussetzer, Rasen, Schwindel
Von einer Herzrhythmusstörung spricht man erst dann, wenn die Entstehung oder
Leitung des elektrischen Reizes gestört ist. Die Formen sind mannigfaltig: Das
Herz kann einen Aussetzer haben, den man Extrasystole nennt. Das Herz kann auch
zu langsam schlagen. Man spricht dann von einer Bradykardie, die sich als
Schwindel oder Bewusstlosigkeit äussern kann. Wenn
sich – wie im Fall von Fabienne Rochat – Herzrasen oder heftiges Herzklopfen
bemerkbar macht, verweist dies auf eine Tachykardie, also ein zu schnell
schlagendes Herz. Die Beschwerden können sehr ausgeprägt sein oder von den
Betroffenen kaum wahrgenommen werden, dauerhaft oder anfallsartig. Anhand eines
EKGs und weiterer Untersuchungen findet der Kardiologe heraus, welche Störung
genau vorliegt.
Wie das Herz wieder in Takt bringen?
«Wenn Patientinnen oder Patienten wissen, dass die Herzrhythmusstörung
ungefährlich ist und nur gelegentlich auftritt, können viele vor allem zu
Beginn damit leben», sagt Kühne. Allerdings kann die Häufigkeit der Anfälle und
auch die Dauer zunehmen, was für Betroffene dann zur Belastung wird. Fabienne
Rochat beispielsweise muss in letzter Zeit regelmässig die Kasse im Laden
verlassen und sich für eine Stunde in den Aufenthaltsraum zurückziehen. Sie
wünscht sich deshalb eine Behandlung. Eine
Tablette bei Bedarf ist ein möglicher Weg. Die sogenannte «pill in the pocket»
lindert gelegentliche Anfälle. Der Nachteil ist, dass Herzrhythmusstörungen
weiterhin vorkommen und es jeweils eine Zeit lang dauert, bis die Medikamente
wirken. Sind die Episoden häufiger, gibt es auch Medikamente zur
Vorbeugung, damit die Herzrhythmusstörungen gar nicht erst auftreten.
Der Eingriff namens
Ablation
Wenn Medikamente nicht wirken oder nicht vertragen werden, kann ein Eingriff
den Herzrhythmus normalisieren. Je nach Störung kommen unterschiedliche
Lösungen zum Einsatz. Bei zu langsamen Herzschlägen kann ein Herzschrittmacher
helfen. Manche chaotischen und zu schnellen Herzrhythmen lassen sich mit
Stromstössen von aussen, einer sogenannten Kardioversion, wieder in Einklang
bringen. Gegen das lästige Herzrasen von Fabienne Rochat bietet sich eine
Katheterablation an. Ein Katheter wird an die Stelle im Herzvorhof geschoben,
wo die Rhythmusstörungen entstehen. Hochfrequenzstrom erhitzt und zerstört nun
ganz gezielt das kranke Gewebe und damit den für die Störungen verantwortlichen
Herd. Geht das Herzrasen von einem klar bestimmten Ort im Vorhof aus, liegt die
Erfolgsrate der Ablation gemäss Michael Kühne bei 95 Prozent. Fabienne Rochat
kann also fest damit rechnen, dass ihr Herz für den Rest des Lebens nicht mehr
unangenehm hüpft, jagt oder pocht.
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Name geändert