Das Herz wieder in Takt bringen

Die meisten Herzrhythmusstörungen sind nicht unmittelbar gefährlich. Dennoch können sie unangenehm und belastend sein. Die Herz-Kreislauf-Medizin bietet heute viele Möglichkeiten, ein aus dem Takt geratenes Herz zu behandeln.

Aktualisiert am 13. Februar 2025
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Fabienne Rochat* kennt die Attacken. Immer häufiger erleidet die 35-jährige Verkäuferin eine Episode, in der ihr Herzrhythmus gestört ist. Das Herz beginnt wie wahnsinnig zu klopfen, sie fühlt sich schwach und erlebt Schweissausbrüche. In solchen Situationen muss sie die Arbeit unterbrechen und sich hinsetzen, bis die Störungen von selbst wieder verschwinden. «Anfänglich hatte ich grosse Angst, dass das Herz aufhört zu schlagen», erzählt die Genferin. Doch die Untersuchung bei einer Kardiologin beruhigte sie. Seitdem sie weiss, dass nichts zu befürchten ist, bleibt sie während der Anfälle ruhig.

Gestörte Reizleitung
Die Kardiologie unterscheidet zwischen gefährlichen und ungefährlichen Herzrhythmusstörungen. «Die bedrohlichen gehen von der Herzkammer aus und sind oft Folge eines Herzinfarktes», erklärt Prof. Michael Kühne, Spezialist für Rhythmologie am Universitätsspital Basel. Glücklicherweise sind diese eher selten. Die meisten Rhythmusstörungen sind grundsätzlich ungefährlich und entstehen über den Herzkammern, also in den Vorhöfen oder im AV-Knoten. Dazu einen kleinen Einblick in die Funktionsweise des Herzens: Unsere Pumpe versorgt den Körper täglich mit 10'000 Liter Blut. Möglich ist der Pumpmechanismus nur, wenn sich die tausenden von Herzmuskelzellen synchron anspannen und wieder entspannen. Damit dies wie in einem Orchester reibungslos funktioniert, gibt ein elektrischer Impuls den Takt an. Taktgeber ist der Sinusknoten, der oben im rechten Herzvorhof liegt. Von dort aus wandern die elektrischen Impulse weiter zum AV-Knoten, der sie in die Herzkammern weiterleitet. Bei einem gesunden Menschen sendet der Sinusknoten 60 bis 100 regelmässige Impulse pro Minute aus. Wie wir alle wissen, reagiert das Herz auf körperliche Veränderungen: Laufen wir schnell oder sind wir aufgeregt, schlägt auch das Herz schneller, sind wir entspannt, schlägt es langsamer – Schwankungen der Herzfrequenz sind also durchaus normal.

Aussetzer, Rasen, Schwindel
Von einer Herzrhythmusstörung spricht man erst dann, wenn die Entstehung oder Leitung des elektrischen Reizes gestört ist. Die Formen sind mannigfaltig: Das Herz kann einen Aussetzer haben, den man Extrasystole nennt. Das Herz kann auch zu langsam schlagen. Man spricht dann von einer Bradykardie, die sich als Schwindel oder Bewusstlosigkeit äussern kann. Wenn sich – wie im Fall von Fabienne Rochat – Herzrasen oder heftiges Herzklopfen bemerkbar macht, verweist dies auf eine Tachykardie, also ein zu schnell schlagendes Herz. Die Beschwerden können sehr ausgeprägt sein oder von den Betroffenen kaum wahrgenommen werden, dauerhaft oder anfallsartig. Anhand eines EKGs und weiterer Untersuchungen findet der Kardiologe heraus, welche Störung genau vorliegt.

Wie das Herz wieder in Takt bringen?
«Wenn Patientinnen oder Patienten wissen, dass die Herzrhythmusstörung ungefährlich ist und nur gelegentlich auftritt, können viele vor allem zu Beginn damit leben», sagt Kühne. Allerdings kann die Häufigkeit der Anfälle und auch die Dauer zunehmen, was für Betroffene dann zur Belastung wird. Fabienne Rochat beispielsweise muss in letzter Zeit regelmässig die Kasse im Laden verlassen und sich für eine Stunde in den Aufenthaltsraum zurückziehen. Sie wünscht sich deshalb eine Behandlung. Eine Tablette bei Bedarf ist ein möglicher Weg. Die sogenannte «pill in the pocket» lindert gelegentliche Anfälle. Der Nachteil ist, dass Herzrhythmusstörungen weiterhin vorkommen und es jeweils eine Zeit lang dauert, bis die Medikamente wirken. Sind die Episoden häufiger, gibt es auch Medikamente zur Vorbeugung, damit die Herzrhythmusstörungen gar nicht erst auftreten.

Der Eingriff namens Ablation

Wenn Medikamente nicht wirken oder nicht vertragen werden, kann ein Eingriff den Herzrhythmus normalisieren. Je nach Störung kommen unterschiedliche Lösungen zum Einsatz. Bei zu langsamen Herzschlägen kann ein Herzschrittmacher helfen. Manche chaotischen und zu schnellen Herzrhythmen lassen sich mit Stromstössen von aussen, einer sogenannten Kardioversion, wieder in Einklang bringen. Gegen das lästige Herzrasen von Fabienne Rochat bietet sich eine Katheterablation an. Ein Katheter wird an die Stelle im Herzvorhof geschoben, wo die Rhythmusstörungen entstehen. Hochfrequenzstrom erhitzt und zerstört nun ganz gezielt das kranke Gewebe und damit den für die Störungen verantwortlichen Herd. Geht das Herzrasen von einem klar bestimmten Ort im Vorhof aus, liegt die Erfolgsrate der Ablation gemäss Michael Kühne bei 95 Prozent. Fabienne Rochat kann also fest damit rechnen, dass ihr Herz für den Rest des Lebens nicht mehr unangenehm hüpft, jagt oder pocht.

* Name geändert