Das Herz in Flammen
Auch das Herz kann sich entzünden. Oft verläuft eine Herzmuskelentzündung unbemerkt und heilt problemlos wieder ab. Sie kann aber auch schwerwiegende Folgen haben, wie der Kardiologe Prof. Urs Eriksson erklärt.
Quelle: Jen Haas
Wenn sich der Herzmuskel entzündet, spricht man von einer Myokarditis. Weshalb hört man selten darüber?
Prof. Urs Eriksson: Weitaus am häufigsten sind die koronare Herzkrankheit und Herzklappenkrankheiten. Die Folgen der koronaren Herzkrankheit, wie Angina pectoris oder Herzinfarkt, erlebt man unmittelbarer und dramatischer als eine Herzmuskelentzündung. Letztere wird auch viel seltener diagnostiziert. Deshalb spricht man weniger davon.
Wie entsteht eine Myokarditis?
Damit sich das Herz entzündet, braucht es einen Schaden am Herzmuskel. Dieser kann durch Infektionen, zum Beispiel Viren, Parasiten oder Bakterien, verursacht werden. Aber auch durch Medikamente, Giftstoffe, radioaktive Strahlen oder Prozesse, bei denen das Immunsystem gegen eigene Körperstrukturen arbeitet.
Was geschieht, wenn sich das Herz entzündet?
Wir können einen klaren Ablauf definieren: Am Anfang wird das Herzmuskelgewebe geschädigt, in einer zweiten Phase wandern Entzündungszellen in den Herzmuskel. In einer dritten Phase kann der Entzündungsprozess mit weniger oder mehr ausgeprägter Vernarbung abheilen. Die Entzündung kann aber auch chronisch werden, wenn sich die Körperabwehr fälschlicherweise gegen das eigene Herz wendet. Chronifiziert die Entzündung, kommt es zu einem Umbauprozess des Herzmuskels, der in einer Herzschwäche mündet.
Ist die Narbenbildung problematisch?
Nicht unbedingt. Das hängt einerseits vom Ausmass der Narbenbildung ab. Andererseits können Narben die elektrische Erregungsbildung des Herzens stören. Dann besteht die Gefahr, dass Herzrhythmusstörungen entstehen, die im schlimmsten Fall zum plötzlichen Herztod führen.
Wie bemerkt man eine Myokarditis?
Die Myokarditis an und für sich spürt man oft nicht. Die Symptome sind unspezifisch, man ist vorübergehend vielleicht müde und schlapp, wie bei einem starken Virusinfekt. Wenn sich aber eine Herzschwäche entwickelt, zeigen sich die entsprechenden Beschwerden wie Atemnot, eingeschränkte körperliche Belastbarkeit oder geschwollene Beine. Auch Herzrhythmusstörungen sind möglich. Gelegentlich kann die Myokarditis zu einer entzündlichen Reaktion in der Innenschicht der Herzkranzgefässe führen, wodurch diese sich krampfhaft zusammenziehen. Solche Patientinnen und Patienten haben dann Brustschmerzen, ähnlich wie Patienten mit Angina pectoris.
«Die Myokarditis an und für sich spürt man oft nicht, die Symptome sind unspezifisch.»
Das heisst, für Sie als Kardiologe ist es schwierig, eine Myokarditis zu entdecken?
Entwickelt der Patient eine Herzschwäche, führen uns die Abklärungen auf die Diagnose. Denn wenn das Herz nicht mehr ausreichend pumpt, gehört die Myokarditis immer auch zu einer möglichen Ursache. Bei jungen Menschen denkt man früher daran, bei älteren muss man zuerst einmal die sehr viel häufigere koronare Herzkrankheit ausschliessen. Nicht selten erfolgt bei ihnen die Diagnose verzögert.
Wie diagnostiziert man eine Myokarditis?
Das Blut liefert bestenfalls Hinweise, aber keine zuverlässigen Werte. Bei einer akuten Myokarditis kann man im MRI Entzündungen erkennen, doch nicht in allen Fällen. Einen sicheren Nachweis liefert die Herzbiopsie. Wir entnehmen Gewebe aus dem Herzmuskel. Dies ist aber ein invasiver Eingriff, den wir nur dann durchführen, wenn sich die Herzschwäche rasch verschlechtert oder innerhalb von drei Monaten nicht erholt.
Wie behandelt man eine Myokarditis?
Bisher hat sich keine Behandlung der Myokarditis in grossen Studien als eindeutig wirksam bestätigt. Wir haben jedoch Hinweise darauf, dass in gewissen Fällen Cortison oder andere Substanzen, die das Immunsystem unterdrücken, den Krankheitsverlauf verbessern.
Das heisst, es gibt keine Behandlungen?
Es gibt noch keine überzeugende Behandlung der Myokarditis an sich, hingegen gibt es gute Konzepte zur Behandlung der Herzschwäche. Eine gute Therapie der Herzschwäche führt oft dazu, dass sich das Herz wieder erholt oder zumindest stabilisiert. Bei einigen Patientinnen und Patienten verschlechtert sich der Zustand aber zunehmend, sodass sich irgendwann die Frage einer Transplantation stellt.
Welche Erreger verursachen eine Myokarditis?
Die klassischen Erreger einer Myokarditis sind bei uns in Europa sogenannte kardiotropische Viren. Dazu zählen vor allem die Enteroviren. Weltweit ist es hauptsächlich die Chagas-Krankheit, die durch einen Parasiten verursacht wird. Unterdessen wird immer klarer, dass auch Bakterien eine Myokarditis verursachen können. Dazu zählen die Borrelien, die durch Zecken übertragen werden und eine Borreliose auslösen.
Kann Covid eine Myokarditis auslösen?
Das Coronavirus SARS-CoV-2 selbst ist kein starker Myokarditis-Erreger. Die Viren greifen aber die Innenfläche unserer Gefässe an. Dadurch geraten Entzündungszellen viel leichter ins Herzinnere, was die Entstehung einer Myokarditis begünstigt.
Auch von den Covid-Impfungen hat man gelesen, dass sie eine Myokarditis auslösen können.
Das stimmt. Es handelt sich um RNA-Impfstoffe, welche die Immunabwehr stark stimulieren und unspezifisch stärken. In gewissen Fällen kann dies eine Myokarditis auslösen. Grosse Studien haben jedoch gezeigt, dass dies im Verhältnis zu den verabreichten Impfdosen äusserst selten geschieht. Zudem hatten die Betroffenen praktisch ausnahmslos eine harmlose Myokarditis ohne Entwicklung einer Herzschwäche.
Kann ich mich vor einer Myokarditis schützen?
Gegen eine Myokarditis kann man sich leider nicht direkt schützen. Man kann aber das Risiko vermindern, indem man sich vor Vireninfekten generell schützt. Erkrankt man an einer Virusinfektion, lohnt es sich, die Krankheit gut auszukurieren. Sport und körperliche Belastung fördern die Ausbreitung der Viren im Herzen.
Wie sich im Winter schützen?
Im Spätherbst oder Winter breiten sich die saisonalen Virenkrankheiten aus. Das hat damit zu tun, dass in der kalten Jahreszeit die Menschen viel enger beieinander sind als im Sommer. Zu diesen Viruskrankheiten zählen unter anderem die Grippe, Covid-19 sowie RSV, das Respiratorische Synzytial-Virus. Dagegen kann man vorbeugen. Dies einerseits, indem man Abstand hält und eventuell sogar eine Maske trägt. Eine gute Handhygiene ist ebenfalls hilfreich. Waschen Sie die Hände regelmässig mit Seife. Schliesslich: Hüten Sie keine erkälteten Enkelkinder. Impfungen, insbesondere gegen das Grippevirus, reduzieren das Risiko einer Ansteckung oder eines schweren Verlaufes deutlich. Gegen Grippe geimpfte Herzpatient*innen haben zudem ein 30 Prozent tieferes Risiko für eine Herzinsuffizienz, einen Herzinfarkt oder Hirnschlag.