Das Erwachen der Hirnschlag-Rehabilitation

Stefan Engelter vom Felix Platter Spital in Basel möchte die Rehabilitation von Hirnschlagpatientinnen und -patienten wirksamer machen. Erreichen will er das durch den Einsatz eines altbekannten Medikaments aus der Parkinson-Behandlung.

Aktualisiert am 03. Februar 2025
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Herr Prof. Engelter, Ihre Studie will die Rehabilitation nach einem Hirnschlag verbessern. Worum geht es dabei?
Prof. Stefan Engelter:
In der Hirnschlagtherapie hat es riesige Fortschritte gegeben, auf der einen Seite in der Akuttherapie, durch die neuen Möglichkeiten, Verschlüsse von Hirnarterien wieder zu öffnen. Auf der anderen Seite gibt es auch grosse Erfolge bei der Sekundärprävention, also der Verhinderung von erneuten Hirnschlägen. In der Rehabilitation hat es hingegen weniger Fortschritte gegeben. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir die bestehende Rehabilitation wirksamer machen können. Wir hatten die Idee, ein Medikament anzuwenden, das während der Rehabilitationsphase die Wirksamkeit der Therapien steigern soll, sodass sich der Patient schneller und nachhaltiger erholt. Beim Medikament handelt es sich um Levodopa. Kein neues Medikament, sondern eines, das man gut aus der Parkinson-Behandlung kennt. Jeder, der den Film «Awakenings» gesehen hat, weiss, was es für die Bewegung und Beweglichkeit bewirken kann.

Was hat Sie dazu veranlasst, Levodopa in Kombination mit rehabilitativen Therapien zu untersuchen?
Aus experimentellen Studien weiss man, dass Levodopa die Plastizität, also die Neuorganisation der Nervenzellen, in Kombination mit einer Therapie positiv beeinflusst. Bei gesunden älteren Patienten, die eine einfache Übung machten, zum Beispiel auf einer Linie balancieren, führte Levodopa dazu, dass sie weniger Ausfallschritte zur Seite machen mussten, verglichen mit Placebo. Mit Levodopa war die Konzentration und das motorische Lernen verbessert.

Wie wird die Wirksamkeit der Levodopa-Intervention in Bezug auf die motorische Erholung gemessen?
Wir messen das mit dem sogenannten Fugl-Meyer-Motor Score. Das ist ein relativ detaillierter Score, bei dem man bestimmte motorische Aufgaben mit Armen und Beinen absolvieren muss, die für das Alltagsleben jeweils individuell relevant sind. Dafür gibt es Punkte. Am Ende der Studie schauen wir, ob die Patienten mit Levodopa mehr Punkte erreicht haben als diejenigen ohne Levodopa.

Sie untersuchen auch die Rolle von Biomarkern. Warum sind diese von Bedeutung für die Hirnschlagrehabilitation?
Die Biomarker liefern Informationen über die Zustände des Herz-Kreislaufsystems und des Immunsystems und dienen als Indikator, bei wem die Rehabilitation wie verläuft. Wir gehen davon aus, dass für die Rehabilitation zwei Faktoren eine wichtige Rolle spielen könnten. Das eine ist die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems, das zweite sind Alterungsprozesse, und zwar solche des Gefässsystems und des Immunsystems. Es kann zum Beispiel sein, dass diejenigen, die ein schwächeres Herz haben, mehr oder weniger profitieren als diejenigen mit einem stärkeren.

Auch das Immunsystem altert?
Ja, es gibt auch Alterungsprozesse im Immunsystem, also wie schnell wir auf Infekte, auf Entzündungen reagieren können. Ist das ein Faktor, der für die Rehabilitation entscheidend ist und falls ja, in welcher Weise? Man würde annehmen, dass jemand mit einem fitteren Immunsystem besser auf die Therapie anspricht. Aber vielleicht stimmt das gar nicht und es ist genau umgekehrt. Die Marker sollen uns schlussendlich zeigen, ob wir therapeutisch etwas ändern müssen.

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Prof. Dr. med. Stefan Engelter: Chefarzt Departement Rehabilitation und Neurologie, Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER, Universität Basel

Was erhoffen Sie sich von den Ergebnissen in Bezug auf die Personalisierung der Hirnschlagrehabilitation?
Es nimmt eine grosse Anzahl Patienten an der Studie teil. Das erlaubt uns, viele verschiedene Typen von Patienten miteinander zu vergleichen. Wir haben zudem nicht nur die üblichen Risikofaktoren angeschaut, wie Bluthochdruck oder Rauchstatus, sondern auch, wer welche Art von Therapie, wer wie viel Therapie, wer wie häufig Therapie, wer kürzere Therapiesessions, wer längere gehabt hat und so weiter. In den Ergebnissen schauen wir dann, ob es irgendwelche Muster gibt, die es erlauben zu sagen, wer von einer bestimmten Therapieform mehr profitiert. Sowas gibt es bisher nicht, es gilt «one size fits all», jeder kriegt zum Beispiel seine drei, vier Therapien am Tag.

Und wie steht es mit dem Nutzen von Levodopa?
Wir möchten natürlich vor allem wissen, wer von Levodopa profitiert. Aber auch wenn Levodopa nicht den Erfolg bringt, den wir uns erhoffen, hat die Studie trotzdem einen Nutzen, weil wir anhand der Marker und Variablen sehen, welche Faktoren für welche Patienten wichtig sind.

Welche Auswirkungen könnten die Ergebnisse Ihrer Studie auf die zukünftige Hirnschlagbehandlung und -rehabilitation haben?
Levodopa ist ein sehr günstiges Medikament. Da das Medikament schon lange auf dem Markt ist, wissen wir zudem, dass es prinzipiell sicher ist. Wenn sich dies in unserer Studie bestätigt, haben wir bewiesen, dass es unseren Hirnschlagpatientinnen und -patienten nicht schadet. Deshalb wäre selbst ein kleiner positiver Effekt extrem bedeutsam. Nur schon eine leicht schnellere und nachhaltigere Erholung hätte einen grossen Nutzen für sehr viele Patienten.

Diese Studie wurde auch durch die Schweizerische Herzstiftung ermöglicht. Welche Bedeutung hat diese Unterstützung für Ihre Forschung?
Ich spreche für die ganze Arbeitsgruppe, wenn ich sage, dass wir sehr dankbar sind für diese Unterstützung. Die Herzstiftung hilft uns auf unbürokratische Weise, eine wirklich innovative Forschung umzusetzen, die eine Relevanz für Patientinnen und Patienten hat. Projekte wie dieses sind auf der einen Seite wissenschaftlich interessant, haben aber gleichzeitig eine Bedeutung für die Menschen und das ist das, was uns eigentlich antreibt. Dass die Herzstiftung solche Projekte unterstützt, schätzen wir sehr.

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