«Ich bin für meinen Alltag parat»
Betroffene bloggen: Der Betroffenenrat der Schweizerischen Herzstiftung gibt Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Hirnschlag eine Stimme. In diesem Blogartikel beschreibt Claudia Meier, wie sie nach einem schrecklichen Unfall eine neue Beziehung zum Leben aufgebaut hat.
Dieser Blog bringt die persönliche Meinung der Mitglieder unseres Betroffenenrates zum Ausdruck. Die Schweizerische Herzstiftung übernimmt keine Verantwortung für deren Richtigkeit oder Vollständigkeit. Die gemachten Aussagen ersetzen nicht das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin.
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Mittwoch, 3. November 2021, morgens kurz vor halb acht, auf dem Weg zur Arbeit: Ich war nichtsahnend, frisch und fröhlich, wie wir bei uns sagen. Dann kam die Katastrophe: Ich wurde während der Fahrt bewusstlos und knallte mit dem Auto im St. Galler Rheintal in ein Brückengeländer. Mit 37 Jahren hatte ich einen Herz-Kreislauf-Stillstand!
Ein Lieferwagen mit zwei Männern hielt sofort an. Beide wussten nicht so recht, was zu tun war. Eine junge Frau, die an der Unfallstelle vorbeifuhr, wendete und kehrte zurück. Sie war meine Retterin, mein Schutzengel! Sofort begann sie mit der Reanimation. In der Zwischenzeit wurde die Ambulanz herbeigerufen. Die Rettungssanitäter*innen defibrillierten mich fünfmal. Ein Helikopter flog mich dann mehr oder weniger stabil nach St. Gallen ins Spital.
Von alldem weiss ich nichts mehr, auch an die Tage danach habe ich keine Erinnerung. Die Ereignisse wurden mir von verschiedenen Personen geschildert und vieles konnte ich in den Berichten und Protokollen nachlesen.
Lebensgefährliche Herzrhythmusstörung
Heute im Frühling 2023, zwischen Haushalt, Teilzeitarbeit und dem alltäglichen Wahnsinn mit Familie, stelle ich mir öfters die Frage: Wieso ich? Aber nicht im negativen Sinne. Ich wundere mich und frage mich, ob ich träume: Weshalb ist mir dies passiert oder womit habe ich das alles verdient? Es gibt Tage, an denen ich noch immer kaum glauben kann, was geschehen ist. Auf meine vielen Fragen erhalte ich nur wenige Antworten.
Die vorläufige Diagnose lautete idiopathisches Kammerflimmern. Also eine lebensgefährliche Herzrhythmusstörung, bei der die Ursache unbekannt ist. Nach weiteren Untersuchungen wurde mir am 12. November 2021 ein ICD implantiert. Die Sache mit dem Herzen war dank des implantierten Defibrillators vorerst «erledigt». Einige Tage später ging es mit Reha in Valens weiter. Mein Gedächtnis brauchte aufgrund des Sauerstoffmangels etwas Unterstützung. Tests und Übungen fürs Gehirn, Training für den Kreislauf. Es ging rasch wieder aufwärts.
Schock auch seelisch überwinden
Irgendwann war auch das überstanden. Kurz vor Weihnachten 2021 durfte ich endlich wieder zu meinem Mann, meiner elfjährigen Tochter und meinem neunjährigen Sohn nach Hause zurück. Es gibt kein grösseres Geschenk als dieser Moment, in dem ich wieder über die Türschwelle in mein Zuhause gehen konnte. Die körperliche Genesung war mit Hilfe der Physio und medizinischer Trainingstherapie nach einigen Wochen abgeschlossen. Doch die seelische Heilung begann erst. Viel später realisierte ich, was mir und der Familie überhaupt passiert war. Der Schock war riesig, kaum beschreibbare Gefühle, dunkle Ängste kamen auf. Nach der Fassungslosigkeit folgte irgendwann Mut und Zuversicht.
Mithilfe einer einfühlsamen Psychologin konnte ich alles verdauen und, wie sie so schön zu sagen pflegt, integrieren. Auch heute noch sind mir die Termine bei ihr wichtig. Ich lernte, zu mir selbst zu finden, auf mich zu hören, meinem Körper (wieder) zu vertrauen. Wenn man so eine Katastrophe durch- und überlebt hat, wird einem bewusst, dass soooooo vieles im Leben nicht so wichtig ist, wie man früher meinte.
Keine Energie für Belangloses
Was nützt alles Materielle, Geld, Ruhm oder was auch immer? Es zählen ganz andere Dinge: Familie, Freunde, gemeinsame Erlebnisse und natürlich die Gesundheit. Nach meinem Unfall erlebte ich zum zweiten Mal unzählige erste Male: die erste Autofahrt (im neuen Auto), die erste Wanderung mit Blick ins Tal, den ersten Zahnarztbesuch. Die Liste lässt sich noch mit unendlich vielen ersten Ereignissen im neuen Leben füllen. Nach einiger Zeit kehrt der Alltag wieder ein. Kleinere und grössere Sorgen braucht man nicht einzuladen, die tauchen von selbst wieder auf. Aber: Ich bin dankbar dafür und freue mich, weil ich noch darf und kann! Ich versuche, mich nicht über Belangloses zu ärgern. Ich setze meine Energie für mich und meine Liebsten und das, was mir wichtig ist, ein. Und wenn die neu bestellte Heizung eine Lieferfrist von fast 3/4 Jahr hat – egal. Es ist nicht wichtig. In meinem Leben vorher hätte das wahrscheinlich eine Rolle gespielt und hätte mich geärgert. Aber in meinem neuen Leben definitiv nicht!
Das Beste aus der Katastrophe machen
Rückblickend war meine Katastrophe das Beste, was mir passieren konnte. Okay, es gibt da noch ein paar Ausnahmen: Mein erstes Treffen mit meinem Mann und die Geburt unserer zwei Kinder. Ich konnte an der Erfahrung des schrecklichen Ereignisses wachsen und lernen. Mein Leben geht jetzt mit meiner diagnostizierten Herzrhythmusstörung weiter. Ich habe mich damit angefreundet, geniesse mein Leben und probiere, aus allem das Beste zu machen. Morgens schlucke ich brav meine Tabletten und dann geht mein Alltag los. Ich bin parat!
Ihre Claudia Meier
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Die Autorin
Claudia Meier (Jg. 1984) ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Sachbearbeiterin auf einem Sozialamt. Ihre Hobbys sind Wandern, Velofahren, Krimis lesen. Zum Betroffenenrat ist sie im Januar 2023 gestossen, weil sie den Austausch mit anderen Betroffenen sucht.