Ein Austausch, der tröstet und ermutigt
Betroffene bloggen: Der Betroffenenrat der Schweizerischen Herzstiftung gibt Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Hirnschlag eine Stimme. In diesem Blogartikel erzählt Margrit Simeon, wie das Wort «betroffen» ein starkes emotionales Gefühl in ihr auslöste.
Dieser Blog bringt die persönliche Meinung der Mitglieder unseres Betroffenenrates zum Ausdruck. Die Schweizerische Herzstiftung übernimmt keine Verantwortung für deren Richtigkeit oder Vollständigkeit. Die gemachten Aussagen ersetzen nicht das Gespräch mit dem Arzt oder der Ärztin.
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Ich kam gerade von einem Arzttermin und sass im Auto, das Handy in der Hand und war noch sehr erschüttert von der E-Mail mit dem Titel «Betroffenenrat», die ich vor ein paar Stunden erhalten hatte. Die E-Mail drehte sich in meinem Kopf und ich verband sie direkt mit meiner aktuellen gesundheitlichen Einschränkung. Sie erschien mir gerade so unpassend, wie es spontane Gäste sein können. Der Zeitpunkt, die Art und Weise kamen so unerwartet, wie die Geschichte, die ich im Moment erlebe.
Eine Stunde zuvor sass ich in einem kleinen Kabäuschen, bei einem Ohrenarzt, um einen Hörtest zu machen. Ich hatte bereits seit einiger Zeit wahrgenommen, dass meine Hörfähigkeit auf dem rechten Ohr stark nachgelassen hat. In diesem Oktober hatte ich mich zum ersten Mal entschieden, bei einem Gospelchor in meiner Wohngemeinde mitzusingen. Jedoch schon bei der ersten Probe bemerkte ich, dass ich Schwierigkeiten hatte zu verstehen und mich zurechtzufinden. Das Hörgerät, das ich auf der rechten Seite bereits hatte, schien mir nicht zu helfen. Also beschloss ich, mein Hörgerät überprüfen zu lassen. Aber es stellte sich heraus, dass es einwandfrei funktionierte, und der Hörakustiker riet mir dringend, dies mit einem Facharzt zu besprechen.
Ja, da sass ich jetzt im Kabäuschen und hielt einen Joystick in meiner Hand, um zu signalisieren, wann ich die Töne hörte. Meine rechte Hand begann zu schwitzen, und ich spürte, dass es gar nicht gut aussah. Die junge Assistentin zeigte Mitgefühl angesichts meines starken Hörverlustes. Ich erklärte ihr, dass ich vor 30 Jahren operiert worden war und wahrscheinlich einen Rückfall hatte.
Im Wartezimmer dann verharrte ich, während die Ungewissheit, wie nun das Resultat lautete, an mir nagte. In meiner Hand lag mein Handy, und ich konnte nicht widerstehen, nach möglichen Erklärungen oder Lösungen zu suchen. Schliesslich stiess ich auf ein YouTube-Video. Eine betroffene Frau berichtete, wie sie Ähnliches erfahren hatte und wie sie behandelt wurde. Ihre Schilderungen brachten mir genau in diesem Moment etwas Trost. Das war dringend nötig, denn ich fühlte mich im Wartezimmer so unfair behandelt vom Leben, weil ich erneut von einer gesundheitlichen Verschlechterung betroffen war. Zuerst das Herz, dann wieder die Ohren. Um mich herum spielten unbekümmert Kinder, und ich war in meinen Gedanken gefangen.
Der Arzt bestätigte, was ich bereits vermutet hatte: Er würde mich an einen Spezialisten weiterleiten. Er war nett und versuchte, mich zu beruhigen, indem er betonte, dass sicherlich eine wirksame Behandlung gefunden werden könne und dass es zum Glück nur ein Ohr betraf.
Nach meiner Rückkehr ins Auto griff ich nach meinem Handy und spielte das YouTube-Video dieser Frau nochmals ab. Die Worte dieser unbekannten Frau im YouTube-Video haben mich auf seltsame Weise getröstet und ermutigt, obwohl ich sie nicht kenne. Es ist von grosser Bedeutung, dass man sich austauschen kann, wenn man betroffen ist. Dieser Gedanke wurde mir in diesem Augenblick erneut bewusst.
Ich hatte im Jahr 2016 einen Herzinfarkt und lernte beim letzten Betroffenenrat-Treffen eine feine Kollegin kennen, welche die gleiche seltene Herz-Diagnose bekommen hatte wie ich. Unterdessen haben wir uns schon einige Male intensiv ausgetauscht, und ich bin sehr dankbar für diesen wertvollen Kontakt.
Deshalb melde ich mich auch für das nächste Treffen gerne an und bin speziell gespannt auf das Projekt «Peer to Peer». Selbst betroffen zu sein, macht betroffen und dies zu teilen, hilft anderen Betroffenen.
Ihre Margrit Simeon
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Die Autorin
Margrit Simeon überlebte 2016 einen Herzinfarkt. Heute unterstützt und coacht sie gemeinsam mit Pferd Lenny Menschen, die in ihrem Leben wieder selbst die Zügel in die Hand nehmen wollen. Sie ist Mitglied des Betroffenenrates.