«Die Behandlung tut mehr Menschen etwas Gutes, als wir früher dachten»

Die Hirnschlag-Todesfälle haben stark abgenommen. Susanne Wegener, Neurologin am Universitätsspital Zürich, erklärt, woran das liegt und weshalb trotz der Fortschritte nicht allen Menschen gleich gut geholfen werden kann.

Aktualisiert am 10. Dezember 2025
Susanne wegener 04 25 bearb2 web

Quelle: Jen Haas

Gemäss Ihrer epidemiologischen Studie hat sich die Hirnschlag-Sterberate in der Schweiz in den letzten zwanzig Jahren halbiert.
Prof. Susanne Wegener:
Das ist korrekt, das hat unsere Studie gezeigt. Ich vermute, das ist ein Ausdruck unserer besseren Behandlung.

Ist die Behandlung der einzige Grund?
Nicht nur. Es werden mehr Hirnschläge diagnostiziert. Wir glauben aber nicht, dass es mehr Hirnschläge gibt. Hirnschläge werden heute häufiger erkannt und wir entdecken dadurch mehr Fälle, vielleicht auch leichtere. Trotzdem, insgesamt sterben viel weniger Menschen an einem Hirnschlag.

Weshalb werden mehr Hirnschläge entdeckt?
Menschen müssen zuerst mal erkennen, dass jemand einen Hirnschlag hat. Dass sie also an einen Hirnschlag denken und medizinische Hilfe suchen, wenn zum Beispiel der Mund schief hängt oder sich der Arm taub anfühlt. Die Aufklärungskampagnen der Herzstiftung haben eine bessere Bekanntheit der Symptome zum Ziel.

Was sind weitere Gründe?
Wir entdecken den Hirnschlag im Spital besser als früher, weil wir mehr Bildgebung zur Verfügung haben, die uns auch kleine Hirnschläge zeigt. Die Zunahme der Diagnosen kann also an der Wahrnehmung in der Bevölkerung liegen und an der diagnostischen Sicherheit im Spital. Vielleicht sind auch die Hausärztinnen und -ärzte besser informiert. All das sind gute Nachrichten. Wir kennen das Problem und nehmen es eher wahr.

Inwiefern hat sich die Hirnschlagbehandlung verbessert?
Klar verbessert hat sich die Infrastruktur. Wir haben in der Schweiz überall sehr gut ausgestattete Stroke Centers und Stroke Units. Diese sind in der Lage, Hirnschlagpatienten rund um die Uhr zu betreuen. Die Rettungssanität weiss dank der Zusammenarbeit mit uns und ihrer eigenen Einschätzung genau, welche Patienten wohin müssen. Diese sind dadurch schneller an einem spezialisierten Ort.

Und bezüglich der eigentlichen Therapie?
Wir wissen unterdessen sehr gut, wie wir bei einem akuten Hirnschlag vorgehen müssen. Bei der Entfernung des Gerinnsels haben wir vor ein paar Jahren noch häufig gezögert.

Das heisst, mehr Betroffene profitieren von einer Behandlung?
Wenn jemand sehr spät mit einem Hirnschlag zu uns kam oder sehr alt war, waren wir zurückhaltend. Das hat sich geändert. Heute wissen wir, die Behandlung ist zwar nicht risikofrei, tut aber mehr Menschen etwas Gutes, als wir früher dachten. Die Öffnung des Zeitfensters war sehr wichtig. Anfangs behandelten wir nur innerhalb von etwa vier Stunden nach Beginn der Symptome. Daraus wurden sechs Stunden und heute kann man unter Umständen bis zu 24 Stunden nach den ersten Anzeichen behandeln.

Wer profitiert eher weniger?
Das wissen wir noch nicht genau. Wahrscheinlich Menschen mit einem sehr schweren Hirnschlag, bei denen die Gefässnetzwerke im Gehirn nicht gut angelegt sind oder nicht gut funktionieren. Vieles ist uns noch nicht klar, deshalb forschen wir weiter.

Sterberate beträgt noch etwa 10 Prozent
In der Schweiz erleiden jährlich rund 26 000 Menschen einen Hirnschlag. Das bedeutet, dass alle 20 Minuten jemand betroffen ist. Gegenüber 2004 entspricht dies einer Zunahme von 71 Prozent. Gemäss den neuesten epidemiologischen Daten sterben pro Jahr etwa 2800 Personen oder etwa 10 Prozent der Hirnschlagbetroffenen. 2004 waren es noch 3500 Personen oder 23 Prozent, also doppelt so viele.

In Ihrer Studie zeigen Sie auf, dass Frauen häufiger an einem Hirnschlag sterben. Weshalb?
Frauen sind in früheren Lebensjahren eher geschützt. Mit der Menopause lässt dieser Schutz durch die weiblichen Geschlechtshormone nach. Frauen erleben im hohen Alter häufiger Hirnschläge als Männer und sind dann eher in Gefahr, an einem Hirnschlag zu versterben. Neben dem hohen Alter spielen Faktoren wie das Leben allein oder fehlende Unterstützung zu Hause eine Rolle.

Frauen sterben gegenüber Männern auch häufiger an einem Hirnschlag ausserhalb des Spitals. Gibt es dafür eine Erklärung?
Nicht direkt. Wir stellen allerdings fest, dass in den Stroke Centers und Units etwas weniger Frauen als Männer behandelt werden. Ich vermute, dass sehr alte Menschen, das sind mehr Frauen als Männer, bei einem Hirnschlag nicht mehr in eine hochspezialisierte Stroke Unit zugewiesen werden.

Was sind die Hauptrisiken eines Hirnschlags?
Das Alter. Wenn es um veränderbare Risiken geht, vor allem das Rauchen, der Bluthochdruck, Diabetes, zu hohes Cholesterin, Vorhofflimmern sowie körperliche Inaktivität, vielleicht noch mehr als ein paar Kilo zu viel. Sport ist enorm wichtig.

Hat sich die Gesundheit in der Bevölkerung in den letzten Jahren diesbezüglich verändert?
Die bereits genannten, traditionellen Risikofaktoren bleiben insgesamt relativ stabil oder haben leicht zugenommen. Was deutlich zunimmt, ist Stress, ein Risikofaktor, der bei Frauen offenbar besonders zu Buche schlägt. Dies müssen wir im Auge behalten.

Kann man die Hirnschlagbehandlung trotz aller Erfolge weiter verbessern?
Ja! Lange Zeit haben wir darum gekämpft, möglichst schnell das Gerinnsel zu entfernen. Und das werden wir bestimmt weiter optimieren. Aber trotz der erfolgreichen Entfernung des Gerinnsels erholen sich gewisse Patienten nicht gut. Wir sprechen dann von einem Reperfusionsversagen. Dieses zu beheben ist momentan ein dynamisches Forschungsgebiet. Wir müssen herausfinden, welche Medikamente wir nutzen können, um die Gefässe und Nervenzellen auch noch Stunden und Tage nach dem Ereignis zu schützen. 

Studie: Hänsel, Martin & Mauch, Emanuel & Micheloud, Charlotte & Luft, Andreas & Nedeltchev, Krassen & Arnold, Marcel & Wegener, Susanne. (2025). Current trends in stroke events, mortality, and case fatality in Switzerland: an epidemiologic update. International journal of epidemiology. 54. 10.1093/ije/dyaf087.

Unterstützen Sie die Forschungsförderung der Schweizerischen Herzstiftung. Dank Forschung können Prävention, Diagnose und Therapie weiter verbessert werden, damit Menschen möglichst lange gesund und unabhängig bleiben und Betroffene trotz Erkrankung ein lebenswertes Leben führen.
Ihre Spende rettet Leben
Jetzt spenden
Forschung Adobe Stock 265265863