Forschungspreis Hirnschlagmedizin
Die Schweizerische Herzstiftung verleiht alle zwei Jahre den Forschungspreis Hirnschlagmedizin für eine oder mehrere hervorragende wissenschaftliche Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Prävention, Diagnose und Akutbehandlung des Hirnschlags. Der Preis ist mit CHF 20’000 dotiert.
Den Hirnschlag noch schadloser überstehen
Technologie hat ihn schon immer fasziniert. Ebenso die Behandlung von Krankheiten. Beides kann der Neuroradiologe Prof. Marios Psychogios in seinem Beruf ausleben. Das Schöne daran ist, er verbessert so die Behandlung von Hirnschlagpatient*innen. Trotz eindrücklicher Resultate hofft der Forschungspreisträger auf weitere Fortschritte.
Lange Zeit waren Ärztinnen und Ärzte bei einem Hirnschlag machtlos. Es gab keine Therapie, mit der man das Blutgerinnsel aus dem Gehirn entfernen konnte. Eine echte Akutbehandlung gab es erst ab den 1990er-Jahren. Damals verabreichte man erstmals Medikamente, die in der Lage waren, Gerinnsel aufzulösen und die Durchblutung wiederherzustellen. Danach erlebte die Hirnschlagmedizin einen unglaublichen Aufschwung. Auch der Neuroradiologe Prof. Marios Psychogios ist ein Zeitzeuge dieser eindrücklichen Entwicklung. Sein Aha-Erlebnis hatte er vor etwa 20 Jahren, im sechsten Jahr seines Medizinstudiums in Erlangen. «Es war mein erster Tag in der Neurologie», erzählt er, «als der damalige Professor der Neuroradiologie einer jungen Hirnschlagpatientin mit einem Katheter das Gerinnsel aus dem Hirngefäss entfernte.» Der angehende Arzt Psychogios schob die Patientin aus dem Angiographie-Saal und sie konnte wieder sprechen. Dies habe ihn dermassen beeindruckt, dass er sich sagte, das wolle er auch machen. Er entschied sich daraufhin für dieses Fach.
Faszinierende Resultate
Damals war der Katheter-Eingriff noch eine Ausnahme. Aber es war der Anfang einer Entwicklung, die Marios Psychogios noch heute Gänsehaut bereitet: Bei einem Gerinnsel in einem grossen Hirngefäss wandte man eine ähnliche Technik an, die sich beim Herzinfarkt bewährt hatte. Man verwendete ebenfalls einen Katheter, den man über die Leiste oder den Arm bis zum Gefäss im Gehirn führte. Anders als beim Herzinfarkt platziert man den Stent dort nicht permanent, sondern zieht damit das gefährliche Gerinnsel heraus. Dies gelang anfänglich noch nicht sehr gut, Teile des Gerinnsels blieben oft zurück oder verteilten sich in andere Hirngefässen. Heute sind die Zahlen eindrücklich: 95 Prozent der grossen Gefässverschlüsse können wieder eröffnet und über 70 Prozent das Gerinnsel komplett entfernt werden. Zwei Drittel der Betroffenen können dadurch gut geholfen werden, viele haben keine bleibenden Schäden.
Ohne Zwischenstopp zur Behandlung
Die Therapie hat sich stark weiterentwickelt, unter anderem auch durch die Arbeit von Marios Psychogios am Universitätsspital Basel. Ein zentraler Faktor bleibt die Zeit bis zur Behandlung: Je schneller Hirnschlagpatient*innen das Gerinnsel entfernt wird, desto schneller erhalten die Gehirnzellen wieder Sauerstoff und Nährstoffe und desto kleiner bleiben Folgeschäden. Er hat ein One-Stop-Verfahren ausgearbeitet, bei dem Schwerbetroffene keinen Zwischenstopp im Bildgebungsraum machen und direkt in den Angiographie-Raum kommen. Dort erhalten sie gleichzeitig mit der Bildgebung eine Therapie, wodurch sich die Dauer bis zur Behandlung um 30 Minuten verkürzt. «Das bedeutet ein um 10 Prozent besseres klinisches Ergebnis», betont er, «und wenn wir auch noch bei der Technik Zeit gewinnen und bei der Nachsorge besser werden, werden noch mehr Patientinnen und Patienten einen Hirnschlag gut überstehen.» Psychogios spricht die Auswertung der Bilder aus dem CT oder MRI an, die heute durch künstliche Intelligenz (KI) unterstützt wird. Sie beschleunigt den Prozess weiter. Früher als Assistent habe es etwa 15 Minuten gebraucht, bis eine Auswertung zur Verfügung stand. Heute bekomme er das Resultat nach 20 Sekunden auf sein Handy, egal wo er sich befinde, sagt er. Auch Betroffene, die nicht so viel Glück hatten und sehr spät ins Spital kommen, sollen künftig von einer verbesserten Behandlung profitieren. Einerseits versucht man herauszufinden, bei welchen Personen sich eine Akuttherapie auch noch sehr spät lohnt. Andererseits verfolgt man den Ansatz «Brain-Computer-Interface». Das sind kleine Geräte, die man Betroffenen mit Folgeschäden implantiert. Diese Geräte übertragen Informationen, die vom Gehirn nicht mehr an die Muskeln weitergeleitet werden können, an andere Geräte wie Computer. Zum Beispiel an eine virtuelle Tastatur und Maus, damit jemand wieder mit der Familie kommunizieren kann.
Wie kleine Hirnverschlüsse öffnen?
Eine weitere Verbesserung strebt Marios Psychogios bei Verschlüssen der kleineren Gefässe an. Die grossen kann man heute, wie erwähnt, gut mit dem Katheter behandeln. Bei den kleinen ist die Datenlage nicht klar: Nützt ein Eingriff oder nicht? «Wir haben in Basel gute Resultate erzielt», sagt Marios Psychogios, «und wollten dies in einer multizentrischen Studie bestätigen.» Diese Studie wurde an 553 Patient*innen in 55 Spitälern und in 11 Ländern durchgeführt, ein riesiger Aufwand, der viel Koordination benötigte. Leider war das Resultat nicht wie erhofft. Die Kathetereingriffe bei kleineren Gefässen zeigten keinen Vorteil gegenüber der Behandlung mit Medikamenten. Aber auch keine Nachteile. «Für uns bedeutet das neutrale Resultat, dass wir hier nicht aufhören», sagt der Neuroradiologe. Er glaubt weiterhin, dass der Eingriff Patient*innen helfen kann. Der nächste Schritt ist nun, herauszufinden, wie das Ergebnis zustande gekommen ist. Ihn interessiert, wer dennoch davon profitiert, wie man die Instrumente und Techniken weiterentwickeln kann und ob eine verbesserte Schulung solcher Eingriffe die Komplikationen reduziert. Marios Psychogios hat die Hirnschlagbehandlung weitergebracht und vielen Betroffenen geholfen. Dafür erhält er den Forschungspreis Hirnschlagmedizin der Schweizerischen Herzstiftung.
Grosse Hoffnung Neuroprotektion
Trotz aller Errungenschaften hofft Marios Psychogios auf weitere Fortschritte. Er erwähnt die Neuroprotektion. Das sind Medikamente, welche die Gehirnzellen bis zur Hirnschlagbehandlung im Spital vor dem Absterben schützen und nach der Akutbehandlung den Schaden reduzieren. «Stellen Sie sich vor, sie sind auf einer Bergwanderung und haben einen Hirnschlag», sagt er, «dann dauert es realistischerweise etwa 4 bis 5 Stunden, bis man Sie im Stroke Center behandelt.» Wenn man gleich vor Ort Wirkstoffe spritzen könnte, die das Gehirn quasi «einfrieren», dann wäre vielen Betroffen geholfen. Erste Versuche sind zwar fehlgeschlagen, doch Marios Psychogios gibt die Hoffnung nicht auf. Für ihn und viele Betroffene wäre das ein weiterer grosser Durchbruch.